Keine Macht den Spatzen

Diesen Sommer sass ich auf dem Domplatz von Brixen unter dem Sommerdach eines Restaurants und schaute dem lebhaften Treiben zu. Die Menschen waren in Ferienstimmung, fotografierten die Fassade des Doms, schwatzten laut oder schlenderten quer über den Platz, wo Musiker gerade daran waren, sich auf ein Konzert vorzubereiten. Unter den Tischen und Bänken ruckten Tauben herum und suchten nach Essbarem. Eine von ihnen erwischte ein Stück Brot und pickte, etwas ungeschickt wie mir schien, Krumen heraus, ohne dass es zerbröckelte. Da stürzte plötzlich ein Spatz hinzu, packte das Bröckchen, entwischte damit auf den nahen Stuhl neben mir und flog von da auf einen Fenstersims. Ein zweiter verfolgte den Dieb und tat sich später auch gütlich an der Beute. Die Taube irrte umher, als wüsste sie nicht, was geschehen war, warf den Kopf bei jedem ihrer Schritte nach vorn, wie es Tauben eben tun, und wunderte sich dabei, dass das Brot weg war.

Diese kleine Episode ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Als wäre es eine Fabel, zog ich daraus die Lehre: Sei aufmerksam und beweglich und hüte dich vor Spatzen, wenn du etwas Kostbares hortest. Mir fiel dies alles wieder ein, als ich in einer italienischen Zeitung las, Papst Franziskus habe dem argentinischen Journalisten Jorge Milia anvertraut, wie schwierig der Anfang seines Pontifikats gewesen sei. Es gebe im Vatikan viele Padroni, altgediente Herren eben, die auf ihren Pfründen sitzen. Seine Agenda sei von den Sekretären bestimmt worden. Er aber habe dies geändert: «Sono io, che decido! Ich bin es, der entscheidet!» Und er schwänzte auch gleich ein feierliches Konzert, bei dem einer der Padroni für ihn einen Thron im Saal hingestellt hatte. Gleichzeitig betonte der Papst, er, Jorge Milia, könne sich nicht vorstellen, wie el viejo, der Alte, der emeritierte Vorgänger, demütig und weise sei. Jorge Milia veröffentlichte das Gespräch auf der Website «Terre d'America», aber bestimmt nicht ohne Zustimmung des Papstes.

Papst Benedikt XVI., in seiner Weisheit, durchschaute die Padroni leider lange nicht. Er hatte kaum eine Ahnung vom Treiben der vatikanischen Spatzen. Er sorgte sich vor allem um die Reinheit des Glaubens. Der neue Papst hingegen wählte die Form des Telefonats, um seine Mitarbeiter indirekt wissen zu lassen, was ihn am Anfang seines Pontifikats gestört hat.

In der italienischen Politik wimmelt es nur so von Spatzen, die tschilpen, was das Zeug hält. Der grosse Vogel hat sie um sich geschart, von dem sie sowieso abhängig sind. Und immer, wenn ihm ein Entscheid, sei es der eines Gerichts oder derjenige der Regierung, nicht passt, hacken die Spatzen drauflos. Ich habe in den diesjährigen Ferien von keinem Italiener ein positives Urteil über die einheimische Politik vernommen. Der Sommer 2013 wird mir diesbezüglich als einer der schlimmsten in Erinnerung bleiben, obwohl ich ihn sehr genossen habe, denn das Wetter war strahlend. Am Meer wehte immer ein erfrischender Wind, der Fisch schmeckte und der Schweizer Pavillon an der Biennale, mit einer Installation des Walliser Künstlers Valentin Carron, hat mir sehr gefallen.

Schlimm war der italienische Sommer vor allem wegen des ewigen Parteiengezänks. Weil die Regierung dauernd durch Drohung eingeschüchtert wird, sie werde gestürzt, wenn sie sich nicht entscheide, wie Berlusconi es wolle, ist das Land im Grunde genommen unregierbar und für Investoren wenig attraktiv geworden. Da sagte zum Beispiel der Innenminister und Vizepräsident, Angelino Alfano von Berlusconis Partei, er habe nicht gewusst, dass die Frau des Regimekritikers Mukhtar Ablyazov dem Diktator Kasachstans ausgeliefert worden sei, obwohl die Zeitungen nachweisen konnten, dass Alfano gelogen hat. Der Regierungspräsident Enrico Letta war gezwungen, ihm eine weisse Weste zu attestieren, denn die Spatzen tschilpten schon, sie würden die Regierung stürzen, falls er nicht dazu bereit sei.

Doch als wäre das nicht genug, bezeichnete der Vizepräsident der Senatskammer, Roberto Calderoli von der Lega, die schwarze Integrationsministerin Cécile Kyenge als Orang-Utan. Worauf gleich einige lokale Grössen nachhakten und dem Senator nach dem Mund redeten. Man brauche sich doch nicht so aufzuregen, schliesslich sei Kyenge nicht vergewaltigt worden. Eine dumme Stimme glaubte, die Ministerin in den Dschungel zurückschicken zu müssen. Immerhin begannen sich ein paar zu empören.So gab zum Beispiels ein Gastwirt Calderoli Lokalverbot. Schliesslich sah sich dieser gezwungen, sich öffentlich zu entschuldigen. Das tat er im Senat und überreichte dabei der Ministerin einen Blumenstrauss. Auf die Frage, was sie mit den Blumen mache, antwortete sie souverän: «Ich lasse sie zur Madonna des Guten Rates tragen.»

Rassistische Äusserungen sind Blumen des Bösen und gedeihen in einem aufgeheizten, fremdenfeindlichen Klima. Wie gut, dass es in Schweiz eine Rassismus-Strafnorm gibt. Und was würde ein Fabeldichter hinter solche Erfahrungen setzen? Achtet darauf, dass die Spatzen nicht an die Macht kommen!