Die Finanzkrise und der gesunde Menschenverstand

Darf der Leser von einem Kolumnisten erwarten, dass er sich zur aktuellen Finanzkrise äussert? Auch dann, wenn er auf diesem Gebiet nicht kompetent ist? Fachleute betonen, die Krise sei komplex. Ich bin aber der Meinung, dass es sich hier um ein ganz gewöhnliches Ausschalten des gesunden Menschenverstandes handelt.

Inzwischen haben sich alle Medien der Krise angenommen. Jede Zeitung schreibt und kommentiert, was das Zeug hält. Die Krise sprang sogar ins Feuilleton der «Neuen Zürcher Zeitung». Dabei wurde hervorgehoben, eine Krise löse kreative Impulse aus. Wer in der «Arena» auftrat, blieb sehr allgemein. Es wurde nicht wie sonst gezankt und gestritten. Eine Debatte zum Rauchverbot in Restaurants und zum VBS hätte sich ganz anders angehört. Der kleine Sparer, der am Bildschirm zuschaute, dürfte verärgert den Kasten abgeschaltet haben. Ihm galt praktisch kein Votum. Besonders der kleine Anleger wurde mit strukturierten Produkten verführt, und man hat geradezu seine Träume geweckt. Er glaubte, er geniesse Gläubigerschutz, selbst wenn die Blase platze.

Die Sprache wechselt Begriffe aus, wenn unschöne, unsichere Dinge verdeckt werden müssen. Der Ausdruck tönt sehr gut. Wer nicht nachfragt, kommt nicht auf die Idee, dass dieser aus frei schwebenden Werten zusammengestückelt ist. Jetzt, da die Inhaber der Papiere daran gehen, hinter den Begriff zu gucken, zeigt er seine hässliche Fratze und lacht ihm entgegen: «Das Anlagedepot steht auf Null!» Während Grossanleger die Tatsache eher gelassen hinnehmen, schmerzt der Verlust die kleinen enorm. In ihrem Geld steckt harte Arbeit. Sie spüren nun am eigenen Leib, dass sie vom Geld, das sich von der werteschaffenden Arbeit des Menschen entkoppelt hat, nur solange träumen können, als die Spekulation blüht. Der gesunde Menschenverstand, der sich sonst an Realitäten hält, hat sich für einmal vom laut tönenden Begriff betören lassen.

Die Werbung erfindet stets neue Bezeichnungen für uralte Tatbestände. Diese Begriffe vernebeln den Verstand und geben Peter Sloterdijk recht, der sagt: «Denken im Schaum ist Navigieren auf labilen Strömungen.» Das scheint die beste Bezeichnung für den Verlust an gesundem Menschenverstand zu sein.

Der Kolumnist ist nun an einem schwierigen Punkt angelangt. Wie soll er seine Meinung in einfache Worte kleiden? Die moderne Welt ist so komplex. Darüber herrscht völlige Übereinstimmung. Deshalb muss die Komplexität reduziert, auf einen einfachen Nenner oder eine zügiges Wort zurückgeführt werden. Strukturiertes Produkt ist ein Begriff, der zu einem einfachen Lockvogel umfunktioniert werden kann und vergessen lässt, was dahinter steckt. Er verdeckt sogar die gewinnsüchtigen Absichten von Anlageberatern und Brokern. Der Lockvogel wird so lange gelobt, bis er Emotionen wie Hoffnung, Traum, Wunsch, Glaube, Reichsein usw. weckt. Die Werbung und die Propaganda reduzieren die Lebenswirklichkeit auf einfache Formeln. Was dem Stimmbürger von Plakatwänden entgegentritt, ist ebenfalls eine Art strukturiertes Produkt, das aus Derivaten und Optionen besteht.

Das Geld hat verschiedene Bedeutungen. Dort, wo es nur in den Büchern herumspukt und keinen direkten Bezug zu Substanzwerten besitzt, erlangt es die Qualität von Träumen. Seine rasche Vermehrung und der Kontostand, der wächst und wächst, faszinieren und sie bekommen geradezu einen metaphysischen Glanz. Geld wird zu einem Götzen oder zum Goldenen Kalb. Geld ist ein Tempo-Beschleuniger, je mehr davon auf dem Markt ist, umso hektischer wird das Leben, umso aufgeregter die Gier, umso schneller wächst auch die Wirtschaft. Unser Lebenstempo wird ebenfalls beschleunigt. Es ist unübersehbar, wie sich die Welt dreht, es wird einem ganz schwindlig dabei. Das Geld beherrscht die Globalisierung und löst einen universellen Krieg der Schäume aus, wie Sloterdijk behauptet.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer nannte das Geld einen Proteus. Proteus war der griechische Gott, der sich in jede Gestalt verwandeln konnte, bald unsichtbar wurde, bald wieder auftauchte. Schopenhauer bezeichnet es einmal als das «absolut Gute», weil es nicht nur konkret allen Bedürfnissen diene, sondern auch abstrakt einem Bedürfnis (dem Glauben) überhaupt. Damit gewinnt es eine übernatürliche Dimension und lässt keinen los.

Geld ist also nicht bloss eine ökonomische Realität. Es greift ins Leben ein und verändert das Denken. Die letzten zwanzig Jahre haben auch die Politik verändert. Eine Partei, die etwas auf sich hält, spricht von nötigen Steuersenkungen. Ein früherer Zuger Regierungsrat rühmte sich seines Erfolgs als Finanzdirektor gegenüber der Wochenzeitung «Die Zeit» und meinte, er würde einen Eintrag im «Guiness Buch der Rekorde» verdienen, habe er doch innerhalb von 16 Jahren neun Mal die Steuern gesenkt. (Ohne freilich an die Nebenfolgen zu denken.) Steuersenkungen und Deregulierung sind ein Teil des strukturierten Produkts, das Politiker heute anbieten, daneben befinden sich in einem solchen Angebot etwa auch Ausländerfeindlichkeit, falsche Heimatliebe, Angriff auf Personen und Abwertung der Classe politique.

Wir sollten dem gesunden Menschenverstand wieder seine Würde zurückgeben. Er prüft sowohl die Propaganda wie auch die Werbung und fragt als Erstes, ob plausibel sei, was auf den verschiedenen Märkten (auch auf denen der Eitelkeiten) angeboten wird. Die erste Prüfung, die ihm auferlegt werden müsste, ist die Frage, was hinter neuen Begriffen steckt.