Leserbrief zum Gastbeitrag von Carl Bossard: «Digital first! Reflexion second»

(Neue Luzerner Zeitung 9. März 2018)

Carl Bossard bestreitet, dass Computerprogramme im Bildungsbereich positive Effekte hervorrufen. Er begründet dies durch seine Erfahrung und durch Untersuchungen. «Es konnte noch keine empirische Studie nachweisen, dass der frühzeitige Einsatz elektronischer Medien positive Effekte hätte.» Das macht mich stutzig, aber ich verstehe es. Das Internet ist ein Hilfsmittel, das jemandem nützt, der weiss, was er sucht. Dafür braucht es Bildung. Sie entsteht durch die Eltern, durch Lehrerinnen und Lehrer und durch eigene Anstrengungen. Sie wird, wie Bossard schreibt, in den Anfängen im analogen Dialog erworben. Bildschirme, das wissen wir vom Fernsehen, bieten keine Erlebnisse, die nachhaltig wirken. Sie ent-sinnlichen die Wahrnehmung und beschleunigen das Vergessen. Das hat zur Folge, dass zwar Wissen herumschwirrt, aber es bildet sich keine echte Anschauung. Anschauung hat mit den Sinnen des Menschen zu tun. Bildung, wie sie Bossard versteht, ist mehr als Wissen. Bildung bietet die Möglichkeit, im Leben die richtigen Fragen zu stellen. Wer nicht genau weiss, was er beantwortet haben möchte, surft stundenlang vergebens im Netz. Der digitale Unterricht kann also erst Gewinn abwerfen, wenn Bildung vorhanden ist. Die Folgerung von Carl Bossard: Wir sollten uns weniger mit dem apparativen Unterricht als vielmehr mit der Entfaltung der Anschauungskraft befassen. Sie entfaltet sich nicht an einer vom Natürlichen abstrahierten Welt, mögen die Bildchen im Netz noch so schön sein!

Zerstörung von Institutionen

Gewisse Kreise scheinen eine grosse Lust zu haben, gut funktionierende Institutionen und hart erarbeitete Verträge zu zerstören, um eine Kampfzone für die Grossfinanz zu schaffen. So bei der No-Billag-Initiative und der Kündigung der Bilateralen Verträge mit der EU. Bei No-Billag ist es Mode geworden, die SRG zu beschimpfen, sie sei viel zu gross, zu aggressiv und die Führungsspitze sei abgehoben. Warum aber wollen sie dem Schweizer Radio-und Fernsehen die Existenzgrundlage entziehen, wenn es nachher nichts mehr zu korrigieren und zu verkleinern gibt? Das widerspricht jeder vernünftigen Logik. Mit dem Argument der überflüssigen Vielfalt könnte man jede Zeitung abbestellen. Ich bezahle für ein abonniertes Blatt 679 und für das zweite 458 Franken pro Jahr. Meine Lesezeit aber ist beschränkt. Sodass ich nur lese, was mir lesenswert erscheint. Mehr als Dreiviertel geht ungelesen zum Altpapier.
Die SRG-Medien fördern das Gespräch unter den Menschen. Was gäbe es zu schimpfen oder zu loben, wenn jeder nur noch ein Zahlabonnement hätte? Er müsste jenen suchen, der für das Gleiche bezahlt. Damit wird die Gesellschaft noch mehr zerstückelt. Ich höre auch immer wieder Leute über Dinge reden, die ich bei der SRG auch gehört und gesehen habe. Das stiftet die berühmte Kommunikation unter den Bürgern und hält das Volk zusammen.

Eine anonyme Karte

In meinem Briefkasten lag eine Karte. Ich freute mich, endlich wieder einen kurzen Gruss lesen zu dürfen. Ich trug die Karte mit den Zeitungen und einigen Bettelbriefen in die Wohnung. Genüsslich blickte ich auf das Kartenbild. Wer hatte mir wohl geschrieben? Ich drehte die Karte um und sah, dass sie nicht unterschrieben war. «Es ist extrem penetrant und unverständlich, wie Sie als alter, vermutlich vergrämter Politiker kuriose Briefe schreiben», las ich da. Aha, so ist das! Da möchte mir jemand das Schreiben verbieten. Ich lachte ein wenig. Ich bin weder vergrämt, noch kurios. Ja ich hatte mir erlaubt, einen Leserbrief zur Aussage einer Nationalrätin zu schreiben. Sie bot an, als Bundesrätin zu kandidieren, wenn ein «Notfall» eintrete. Was konnte so ein Notfall sein?, überlegte ich mir. Ich fand schliesslich vier mögliche Gründe. Ein Notfall wäre, wenn die Partei keinen geeigneten Kandidaten finden oder das Land an die EU verschachert würde. Ich will sie nicht alle aufzählen. Vielmehr befiel mich plötzlich der kriminalistische Spürsinn. Die Schrift schien mir bekannt. Den anonymen Schreiber oder die Schreiberin ausfindig zu machen, ist freilich, wie die berühmte Nadel im Heuhaufen zu suchen. Die Schrift war fein und klein. So tippte ich auf eine Frau. Dann las ich weiter. «Als 81 jähriger seit zehn Jahren amtsloser Pseudo-FDP-Politiker sollten Sie (immerhin in Höflichkeitsform) langsam aber sicher die Meinungsbildung uns Jungen überlassen.» Oh, ich darf keine eigene Meinung äussern! Wir Alten sind passé! Aussondern soll man sie! Dann folgte der wunderbare Schlusssatz: «Irgendwie hat man den Eindruck, es schwinge Neid und Missgunst gegen andere Partei-Personen mit.» Immerhin ein schöner Konjunktiv. Also dumm konnte der Schreiber nicht sein.
Na so was!, sagte ich mir. Neid! Wie das? Habe ich nicht ein erfülltes Leben? Mir ist doch Vieles geschenkt worden. Karriere habe ich auch gemacht. Bin sehr froh, dass ich unter den heutigen Umständen «amtlos» bin. Es gibt andere, die sind mit bald achtzig noch immer die Altmeister im politischen Taktschwingen. Ich bin ja bloss eine Leserbriefschreiber, den gelegentlich die Lust ankommt, sich ein wenig einzumischen. Wenn sich darüber jemand aufregt, habe ich mein Ziel erreicht. Dann weiss ich, dass ich ins Schwarze getroffen habe. Immer wieder sprechen mich Leute an und fragen, wann ich wieder für die schreiben würde?
Dass es in der Parteienwelt ein Auf und Ab gibt, sieht ja jeder. Geld zu scheffeln liegt mir nicht. Dafür habe ich keine Zeit. Ich beschäftige mich mit Lesen und dummerweise für den anonymen Kritiker fällt mir das Schreiben nicht schwer. Es macht mir Spass. Es gehört zu mir, wie das Mausen zur Katze. Und wenn jemand sich im Notfall als unverzichtbar sieht, dann reizt es mich, eine Glosse zu schreiben.
Soweit so gut, aber wer konnte mir geschrieben haben. Kenne ich die Schrift? Ähnliche Schriftzüge haben auch andere, die mir Briefe geschrieben haben, nicht anonym versteht sich, sonst hätte sie der Papierkorb verschluckt. So sicher in der Kommasetzung war der Brief nicht abgefasst. Eigentlich, dachte ich, es sei der Mühe nicht wert, sich darüber Gedanken zu machen.
Da fiel mein Blick auf die Briefmarke mit dem Schneemann. Sie war nicht abgestempelt. Also folgerte ich messerscharf, die Person musste die Karte eigenhändig in meinen Briefkasten geworfen haben. Dass sie trotzdem mit einer Marke versehen war, betrachtete ich als Versteckspiel des Täters oder der Täterin. Das sind die kleinen Fehler, mit denen sich Kriminelle oder auch simple Täter erwischt lassen.
Zur Samichlauszeit sind die Nächte lang. Es lag kein Schnee auf dem Vorplatz, der der Spurensicherung gedient hätte. Dennoch, es musste sich um ein Person aus dem Dorf handeln. Dies herauszufinden war sehr schwierig. Immerhin gibt es Leute im Dorf, die ich für eine solche Tat verdächtigen durfte, ohne ihnen weh zu tun. Sie konnten nur unter denen gesucht werden, die auch Leserbriefe schreiben oder geschriebenen einfach ihren Namen liehen. Bei solchen Voraussetzungen engte sich der Kreis der Tatverdächtigen ein. Es musste sich also um eine Person handeln, die die Nationalrätin verehrte, weil sie der gleichen Partei angehört. Meine Vermutung nährte sich mit Wissen. Aber Gewissheit hatte ich dennoch nicht. Ich weiss nur, dass die Post die Briefmarken abstempelt. Das war ein Indiz. Wie konnte ich also den Fall lösen? Das würde dauern und nur der Zufall könnte den Fall lösen.
Wie oft wurden Täter erst nach Jahren ertappt. So besann ich mich auf eine Strategie: Falls ich einer Person aus dem engen Kreis der möglichen Täter begegnen würde, würde ich äusserst höflich fragen, ob sie mir anonym eine Karte geschickt habe. Ich bin Psychologe und erst noch der Sohn eines Viehhändlers. Ihre Reaktion würde mir verraten, ob sie der Täter oder die Täterin sei oder zumindest die Hand im Spiel gehabt habe. Gesichter, die sich bei einer delikaten Frage verändern, lassen sich lesen und Ausreden kann jeder ehemalige Politiker analysieren.

Martullo Blocher will bei einem Notfall als Bundesrätin kandidieren (siehe NZZ)

Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher hat mit einem einzigen Wort meinen Kopf aufgewirbelt. Sie würde als Bundesrätin kandidieren, falls ein «Notfall» entsteht. Was kann ein solcher Notfall sein? Ich begann zu spekulieren. Handelt es sich um den «Notfall», dass ihre Partei oder andere keine schlagkräftige Kandidatin oder einen ihr nicht genehmen Kandidaten aufstellen würde? Könnte ein «Notfall» eintreten, dass sie die Schweiz retten müsste? Sieht sie Gefahr, dass der Bundesrat zu wenig rechts stehen würde, wie dies bis zum Rücktritt von Didier Burkhalter behauptet wurde? Entstände ein «Notfall», wenn der zukünftige Bundesrat keine Persönlichkeit aufweisen würde, die sagt, wo es durchgehen soll? In der digitalen Welt können «Notfälle» konstruiert werden. Wir müssen gefasst sein auf einen Notfall im Bundeshaus. Martullo ante portas!

Während des Schreibens dieses Textes dachte ich immer wieder, welch eine Arroganz. Dass sie bei einem Notfall kandidieren werde, kann sich nur eine mehrfache Milliardärin vorstellen.

Braucht die Rigi neue Attraktionen?

Unsere Wahrnehmung scheint sich verändert zu haben. Die Mobilität, die Schnelligkeit, die rasenden Bilder verfälschen die Anschauungskraft. Durch die tägliche Bilderflut sind wir gewohnt, schnelle Schnitte zu machen wie bei Fernsehnachrichten. Das Auge ruht nicht auf dem Bild. Es wird zum raschen Wechsel, zum Hüpfen, nicht zum Spazieren gezwungen. Der Tourist schiesst Fotos um Fotos. Die besuchte Landschaft wird unscharf. Sie wird gar nicht erfahren, nicht echt wahrgenommen.

Eine Gegend als Landschaft zu sehen, will erlernt sein. Vorerst zieht die Rigi Menschen an, weil von ihr wunderbare Bilder in den Medien zirkulieren. Die Werbung bereitet sie auf und nimmt meist Bezug zu Elementen, die ihr zugeschrieben werden. So ist sie zum Beispiel die «Königin der Berge». Nicht das Matterhorn oder die Jungfrau gelten als König oder Königin, sondern eben die Rigi. Warum darf sie nicht mit dem verlockenden Wort «Königin» werben?

Nun fährt der moderne Reisende auf diesen königlichen Berg. Schon bald spürt er, dass seine Geduld auf die Probe gestellt wird. Die Bahn kriecht langsam höher. Wer aber nicht unter einem Temposyndrom leidet, gibt sich gelassen der Fahrt von Vitznau oder von Goldau hin. Es dauert. Aber während der Dauer kann er wahrnehmen, wie sich die Gegend vor seinen Augen entfaltet. Je höher die Bahn klimmt, desto herrlicher breitet sich der Alpenkranz aus. Auf dem Gipfel ist die Aussicht phänomenal. In alle vier Himmelsrichtungen schweift der Blick.

Es besteht die Chance, eine Landschaft neu zu entdecken. Landschaft ist erst, wenn wir sie in freiem Geist ästhetisch wahrnehmen, wenn unser Blick keinen anderen Zweck verfolgt, als die Schönheit zu geniessen und die wechselnde Stimmung auf sich wirken zu lassen. Der Mensch muss frei sein von Zwängen. Gelingt ihm dies, dann erlebt er die Landschaft in ihrer Einmaligkeit. Der Mensch sieht nur, was er sehen gelernt hat. Vielleicht sagt ihm die Aussicht nicht viel. Er beobachtet vielmehr die weidenden Kühe und Rinder oder wartet auf ein gutes Essen. Oft sind es Bilder von Künstlern, die den Sinn für die Schönheit einer Landschaft geformt haben. Auch Schilderungen von Dichtern und Schriftstellern lehren, was als schön empfunden werden kann.

Nun kündigt der Direktor der Rigi-Bahnen mit einem Masterplan an, viele Millionen investieren zu wollen, um auf der Rigi verschiedene Attraktionen zu schaffen: eine Eventalp, ein Schwizer Bergdörfli, ein Spielplatz mit Streichelzoo usw. Dagegen ist eine Petition eingereicht worden. Wer den Touristen die Chance nicht nehmen will, dass sie staunen und zufrieden nach Hause fahren, darf auf diesem Berg nicht allzu viele Schauplätze anbieten, die zu Ähnlichem führen, was es schon überall gibt. Es ist nicht so, dass man den Kindern etwas gibt, wenn man ein Spieldörfchen schafft. Man nimmt ihnen vielmehr, was sie lernen sollten: Schauen, Staunen, Betrachten. Damit kann die Anschauungskraft wachsen und der ästhetische Sinn für die überraschende Landschaft wach werden. Was für die Kinder gilt, sollte den Erwachsenen heilig sein. Der Berg inszeniert sich selbst, er ist die Sensation, Sensationen, die ihnen Unternehmer aufdrängen wollen, lenken davon ab.

(Andreas Iten zählt zu den Erstunterzeichnern der Petition.)