Wallfahrt des Protestes

Die Wallfahrt des Protestes richtete sich gegen «Beleidigungen und Schmähungen, welche durch die Neuinszenierung des Einsiedler Welttheaters Gott und der Jungefrau Maria zugefügt werden.» Dies behaupteten die traditionalistischen Kreise, die mit Fahnen und Gebeten nach Einsiedeln zogen. Mir ist dieser Protest unverständlich. Thomas Hürlimann hat ein zeitgemässes Stück geschrieben, und Volker Hesse hat dieses Stück brillant, spannend und bilderreich auf den Einsiedler Klosterplatz – mit sehr engagierten Laien – gebracht. Das Stück wirft Fragen auf, die ich nicht als Schmähungen verstanden habe. Es sind unbequeme Fragen gewiss, Fragen, die sich dem hellen Verstand angesichts der Gräuel und Katastrophen und der Ungerechtigkeiten jeden Tag neu stellen. Dass traditionalistische Kreise diese Fragen nicht aushalten und lieber vorgegebene Antworten hören, verwundert mich nicht. Wer aber ein Stück auf dem Klosterplatz haben will, das nur Antworten gibt, sollte auf Schriftsteller und Regisseure von Format verzichten. Das Stück ist auch nicht düster und hoffnungslos, wie der Abt geschrieben hat. Es schildert die zeitgemässe Befindlichkeit des Menschen. In der Enge des Jammertals, wie in der Kirche gesungen wird, öffnet sich am Ende des Stücks die Klosterpforte. Sie will einen Hinweis geben, dass es eine Hoffnung gibt. Der geschundene, der todgeweihte Mensch, der Reiche wie der Arme, der Dorfkönig wie die Schönheit, kommen ohne Transzendenz, ohne die Erfahrung, dass der Mensch die Grenzen des subjektiven Daseins in einer Sinnrichtung überschreiten muss, nicht aus. Aber Transzendenz ist nicht von oben verfügbar. Thomas Hürlimann zeigt drastisch, wie der Mensch heute auf sich zurückgeworfen ist und wie er darin das eigene Ungenügen erfährt. Ohne diese Geworfenheit bräuchte der Mensch keine Gedanken an das Leben nach Tod zu verschwenden.