Die Schweiz war noch nie so abhängig von der Europäischen Union

Es war zu erwarten, dass nach dem Ja zur «Masseneinwanderung» Schuldzuweisungen gemacht werden würden. Parlamentarier, die sich kaum während der Abstimmung bemerkbar machten, jedenfalls nicht klar ausdrückten, wissen plötzlich, dass der Bundesrat sich zu wenig engagiert habe und dass er für die zukünftigen Verhandlungen zu wenig taugt. So schreibt Ständerat Georges Theiler in der «Zentralschweiz am Sonntag» die Verhandlungen müssten nun hart, aber fair sein. «Bundesrätin Simonetta Sommaruga ist zwar eine begabte Pianistin. Ich glaube aber nicht, dass sie die Richtige ist, um harte Migrationsmassnahmen umzusetzen.» Wie despektierlich wird da eine Bundesrätin abqualifiziert! Dabei wissen wir, dass das Klavierspiel beide Hirnhälften ausbildet. Welch ein Kulturverständnis kommt da übrigens zum Ausdruck! In der Arena-Sendung zur Abstimmung, hat sie klar, sachkundig und deutlich gesagt, was Sache ist. Sie wurde aber vom Fraktionschef der Volkspartei und anderen Teilnehmern überschrieen. Immer wieder wurden die gleichen Argumente variiert, obwohl von der Bundesrätin widerlegt.


Wie schwierig der Ausweg aus dem nun geschaffenen Dilemma sein wird, hat die Journalistin und Redaktorin Sermin Faki in der Sonntagszeitung aufgezeigt. Das Sperren des Gotthards für Ausländerfahrzeuge übrigens würde der Schweiz mehr schaden als nützen. Wir erinnern uns an die Folge des EWR-Neins, als die Swissair Schwierigkeiten mit dem EU-Luftraum bekam, einen Ausweg suchte, zwar nicht tauglich und schliesslich Konkurs machte. Sicher ist nur eines: Sollten die Verhandlungen der Schweiz nicht zum Wohl des Volkes gelingen, sind die Schuldigen schon gefunden. Das Volk trifft keine Verantwortung, aber es hat dennoch die Folgen zu tragen. Ironie des selbstgewählten Schicksals: Die Schweiz war noch nie so abhängig von der EU wie nach diesem Entscheid.