Die Häme in der Politik

Die Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga wurde immer wieder als Pianistin apostrophiert, etwa im Titel eines Artikels, der lautete «Professor gegen Pianistin». Der Fraktionschef der SVP, Adrian Amstutz, hat schon einige Male leicht spottend von «dieser Klavierspielerin da…» gesprochen. Sie aber ist Konzertpianistin. Die Musikausbildung ist sehr anspruchsvoll. Sie aktiviert beide Hirnhälften. Die linke ist zuständig für die Kreativität und die rechte für die Rationalität. Und sie ist Bundesrätin.

1969 schrieb Ludwig Marcuse einen «Nachruf auf Ludwig Marcuse», eine schonungslose Autobiographie. Darin der Satz «Die Hämischen sind die Hässlichsten unter allen Menschen.» Immer, wenn ich, sei es in der Politik oder sonst in einem Zusammenhang, hämische Angriffe auf Menschen vernehme, fällt mir dieses Verdikt ein. Die Häme zielt auf einen Menschen. Sie versucht ihn lächerlich zu machen, ihm einen Fusstritt ans Schienbein zu versetzen, ihn respektlos anzugreifen. Hämische Menschen gebrauchen eine Sache nur, um Menschen in einer anderen zu verunglimpfen. So hat Nationalrat Roger Köppel seinen Auftritt im Parlamente zum Antrag des Bundesrats, die Personenfreizügigkeit auf Kroatien auszudehnen, benutzt, um Bundesrätin Sommaruga unflätig und hämisch anzugreifen. Er tat es wie ein schlechter Schüler, der für seinen Aufsatz ein Thema wählt, das vom Lehrer nicht gefragt war. Er äusserte sich zur Asylpolitik und führte aus, sie, die Bundesrätin, nehme lieber den Menschen Wohnungen und Häuser weg, um die von ihr ins Land geholten Männer aus Gambia, Somalia und Eritrea als Asylanten unterzubringen. Auf die spätere Frage von Köppel, warum sie seine Fragen nicht beantwortet habe, erwiderte sie schlagfertig: «Ich antworte gerne ihre Fragen zu Kroatien, Herr Köppel.»

Es ist unbestritten, dass die Häme den Charakter verändert. Es kann auch sein, dass der Charakter von jung auf schon darauf angelegt war, den Überlegenen zu spielen. Erreicht der Mensch sein Ziel nicht, werden seine Erwartungen enttäuscht, stellt sich Verbitterung ein. Der Groll wächst. Das Wertfühlen verändert sich. Werte, die einst Gültigkeit hatten, gelten nicht mehr. Er beginnt schleichend seine Werttafeln zu verfälschen, und nimmt Lügen bewusst in Kauf. Diese dienen den eigenen Interessen. Im politischen Kampf kann dies sehr gefährlich werden, denn um das eigene Interesse zu befriedigen, kommt es zur systematisch geübten Halbwahrheit, die man auch Verlogenheit nennen kann. Die Umwertung der Werte dient der Befriedigung des eigenen Machtantriebs. Wenn Toni Brunner an der Delegierten Versammlung der SVP anfangs Februar 2016 ausruft: «Wir kämpfen auf der Seite der Schweizerinnen und Schweizer und nicht auf jener Seite einer Clique von Politkern, Beamten, Professoren und Richtern, die das Recht nach eigenem Gutdünken auslegen wollen und unsere Demokratie als lästiges Übel immer öfters geringschätzen», dann ist diese Wertverschiebung krankhaft und ausgemachte Lüge. Man kann sie eine taktische Lüge nennen.
Die Herabsetzung von Personen nimmt einen immer grösseren Platz in der Politik ein. Die Republikaner in den USA müssen sich nicht wundern, dass es zu einer Ver-Trumpung des Landes kommt. Und der hämische Roger Köppel ist nicht nicht eine Tagesausgeburt, er ist ein Gewächs der schon lange in unserem Land herrschenden Häme. Wenn die Wählerinnen und Wähler solche Typen ins Parlament schicken, müssen sie sich nicht wundern, dass ihre Reden auf das Wahlvolk zurückfallen.