Christoph Blochers Wahrheitsbegriff

Leserbrief zum Interview in der «Zentralschweiz am Sonntag»

Christoph Blocher ist einer der einflussreichsten Politiker der Schweiz. Nun spricht er in Luzern über zwei bedeutende Innerschweizer und gibt ein Interview in der «Zentralschweiz am Sonntag». Sermin Faki stellte kluge Fragen. Hat ein Schweizer Politiker so viel bewegt wie Christoph Blocher, muss es von grossem Interesse sein, seinen Wahrheitsbegriff etwas unter die Lupe zu nehmen. Was ist Wahrheit? Dass dieser Begriff nicht klar definiert werden kann, darf man gelten lassen. Wie er aber von einem Politiker verwendet wird, bedarf der kritischen Analyse. Auf die Frage, ob die Geschichte, auf die man ein Weltbild gründet, nicht wenigstens wahr sein soll, gibt Blocher zur Antwort: «Wahrheit kann bedeutungsvoller sein als Wirklichkeit». Er bringt den Mythos in die Nähe der Wahrheit, aber spricht dann vom Sinn eines Märchens oder Mythos. Sinn und Wahrheit sind nicht zu verwechseln, nicht identisch.
Um welche Art von Wahrheit handelt es sich also bei Blochers Aussage. Seine Wahrheit müsse nicht auf der Wirklichkeit gründen, meint er. Wahrheit aber bezieht sich immer auf Tatsachen, also auf die Wirklichkeit. Darum macht der Christ geltend, dass Jesus in einer Krippe geboren ist. Blocher aber meint: «Die Realität der Geburt Jesu ist nicht beweisbar. Aber sie entspricht der Wahrheit!» Und er meint dazu, sie könne auch ein Mythos sein. Ein Mythos macht Sinn, das kann solange gesagt werden, als man an ihn glaubt. Verflacht er, verliert er seinen Sinn. Wenn die Wahrheit nicht auf die Wirklichkeit bezogen werden soll und muss, was ist dann Wahrheit? Dann kann sie nur Glaubenswahrheit sein und diese muss nicht bewiesen werden. Welche Wahrheit aber gilt in der Geschichtsforschung oder in der Politik. Beide stützen sich auf Tatsachen, die eine auf Quellen, die andere auf Fakten. Jeder Streit in der Politik ist eine Auseinandersetzung über die Tatsachenwahrheit. Ist also für Blocher die von ihm definierte Wahrheit bedeutender als die Wirklichkeit, so kann es sich nur um eine Glaubenswahrheit handeln. Da Fakten für ihn nicht zwingend für den Wahrheitsbegriff sind, kann Christoph Blocher das erzählen, was ihm und seinem Publikum gerade gelegen kommt. Und da wenige die Politik von Segessers kennen, mag den Zuhörern einleuchtend klingen, was ihnen erzählt wird. Blocher macht nicht einmal einen Hehl daraus, dass ihm an Bruder Klaus nur der eine Satz vom zu «weiten Zun» und an von Segesser nur die Idee des Föderalismus fasziniert. Glaubenswahrheiten in der Politik sind Ideologien und sie münden meistens in die Verfälschung der Tatsachenwahrheit. Das Interview von Christoph Blocher bedürfte weit über einen Leserbrief hinaus einer gründlichen Analyse. Erst so würde klar sichtbar, wie hier mit Geschichte, Politik und Wahrheit umgegangen wird.