Eine anonyme Karte

In meinem Briefkasten lag eine Karte. Ich freute mich, endlich wieder einen kurzen Gruss lesen zu dürfen. Ich trug die Karte mit den Zeitungen und einigen Bettelbriefen in die Wohnung. Genüsslich blickte ich auf das Kartenbild. Wer hatte mir wohl geschrieben? Ich drehte die Karte um und sah, dass sie nicht unterschrieben war. «Es ist extrem penetrant und unverständlich, wie Sie als alter, vermutlich vergrämter Politiker kuriose Briefe schreiben», las ich da. Aha, so ist das! Da möchte mir jemand das Schreiben verbieten. Ich lachte ein wenig. Ich bin weder vergrämt, noch kurios. Ja ich hatte mir erlaubt, einen Leserbrief zur Aussage einer Nationalrätin zu schreiben. Sie bot an, als Bundesrätin zu kandidieren, wenn ein «Notfall» eintrete. Was konnte so ein Notfall sein?, überlegte ich mir. Ich fand schliesslich vier mögliche Gründe. Ein Notfall wäre, wenn die Partei keinen geeigneten Kandidaten finden oder das Land an die EU verschachert würde. Ich will sie nicht alle aufzählen. Vielmehr befiel mich plötzlich der kriminalistische Spürsinn. Die Schrift schien mir bekannt. Den anonymen Schreiber oder die Schreiberin ausfindig zu machen, ist freilich, wie die berühmte Nadel im Heuhaufen zu suchen. Die Schrift war fein und klein. So tippte ich auf eine Frau. Dann las ich weiter. «Als 81 jähriger seit zehn Jahren amtsloser Pseudo-FDP-Politiker sollten Sie (immerhin in Höflichkeitsform) langsam aber sicher die Meinungsbildung uns Jungen überlassen.» Oh, ich darf keine eigene Meinung äussern! Wir Alten sind passé! Aussondern soll man sie! Dann folgte der wunderbare Schlusssatz: «Irgendwie hat man den Eindruck, es schwinge Neid und Missgunst gegen andere Partei-Personen mit.» Immerhin ein schöner Konjunktiv. Also dumm konnte der Schreiber nicht sein.
Na so was!, sagte ich mir. Neid! Wie das? Habe ich nicht ein erfülltes Leben? Mir ist doch Vieles geschenkt worden. Karriere habe ich auch gemacht. Bin sehr froh, dass ich unter den heutigen Umständen «amtlos» bin. Es gibt andere, die sind mit bald achtzig noch immer die Altmeister im politischen Taktschwingen. Ich bin ja bloss eine Leserbriefschreiber, den gelegentlich die Lust ankommt, sich ein wenig einzumischen. Wenn sich darüber jemand aufregt, habe ich mein Ziel erreicht. Dann weiss ich, dass ich ins Schwarze getroffen habe. Immer wieder sprechen mich Leute an und fragen, wann ich wieder für die schreiben würde?
Dass es in der Parteienwelt ein Auf und Ab gibt, sieht ja jeder. Geld zu scheffeln liegt mir nicht. Dafür habe ich keine Zeit. Ich beschäftige mich mit Lesen und dummerweise für den anonymen Kritiker fällt mir das Schreiben nicht schwer. Es macht mir Spass. Es gehört zu mir, wie das Mausen zur Katze. Und wenn jemand sich im Notfall als unverzichtbar sieht, dann reizt es mich, eine Glosse zu schreiben.
Soweit so gut, aber wer konnte mir geschrieben haben. Kenne ich die Schrift? Ähnliche Schriftzüge haben auch andere, die mir Briefe geschrieben haben, nicht anonym versteht sich, sonst hätte sie der Papierkorb verschluckt. So sicher in der Kommasetzung war der Brief nicht abgefasst. Eigentlich, dachte ich, es sei der Mühe nicht wert, sich darüber Gedanken zu machen.
Da fiel mein Blick auf die Briefmarke mit dem Schneemann. Sie war nicht abgestempelt. Also folgerte ich messerscharf, die Person musste die Karte eigenhändig in meinen Briefkasten geworfen haben. Dass sie trotzdem mit einer Marke versehen war, betrachtete ich als Versteckspiel des Täters oder der Täterin. Das sind die kleinen Fehler, mit denen sich Kriminelle oder auch simple Täter erwischt lassen.
Zur Samichlauszeit sind die Nächte lang. Es lag kein Schnee auf dem Vorplatz, der der Spurensicherung gedient hätte. Dennoch, es musste sich um ein Person aus dem Dorf handeln. Dies herauszufinden war sehr schwierig. Immerhin gibt es Leute im Dorf, die ich für eine solche Tat verdächtigen durfte, ohne ihnen weh zu tun. Sie konnten nur unter denen gesucht werden, die auch Leserbriefe schreiben oder geschriebenen einfach ihren Namen liehen. Bei solchen Voraussetzungen engte sich der Kreis der Tatverdächtigen ein. Es musste sich also um eine Person handeln, die die Nationalrätin verehrte, weil sie der gleichen Partei angehört. Meine Vermutung nährte sich mit Wissen. Aber Gewissheit hatte ich dennoch nicht. Ich weiss nur, dass die Post die Briefmarken abstempelt. Das war ein Indiz. Wie konnte ich also den Fall lösen? Das würde dauern und nur der Zufall könnte den Fall lösen.
Wie oft wurden Täter erst nach Jahren ertappt. So besann ich mich auf eine Strategie: Falls ich einer Person aus dem engen Kreis der möglichen Täter begegnen würde, würde ich äusserst höflich fragen, ob sie mir anonym eine Karte geschickt habe. Ich bin Psychologe und erst noch der Sohn eines Viehhändlers. Ihre Reaktion würde mir verraten, ob sie der Täter oder die Täterin sei oder zumindest die Hand im Spiel gehabt habe. Gesichter, die sich bei einer delikaten Frage verändern, lassen sich lesen und Ausreden kann jeder ehemalige Politiker analysieren.

Martullo Blocher will bei einem Notfall als Bundesrätin kandidieren (siehe NZZ)

Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher hat mit einem einzigen Wort meinen Kopf aufgewirbelt. Sie würde als Bundesrätin kandidieren, falls ein «Notfall» entsteht. Was kann ein solcher Notfall sein? Ich begann zu spekulieren. Handelt es sich um den «Notfall», dass ihre Partei oder andere keine schlagkräftige Kandidatin oder einen ihr nicht genehmen Kandidaten aufstellen würde? Könnte ein «Notfall» eintreten, dass sie die Schweiz retten müsste? Sieht sie Gefahr, dass der Bundesrat zu wenig rechts stehen würde, wie dies bis zum Rücktritt von Didier Burkhalter behauptet wurde? Entstände ein «Notfall», wenn der zukünftige Bundesrat keine Persönlichkeit aufweisen würde, die sagt, wo es durchgehen soll? In der digitalen Welt können «Notfälle» konstruiert werden. Wir müssen gefasst sein auf einen Notfall im Bundeshaus. Martullo ante portas!

Während des Schreibens dieses Textes dachte ich immer wieder, welch eine Arroganz. Dass sie bei einem Notfall kandidieren werde, kann sich nur eine mehrfache Milliardärin vorstellen.

Braucht die Rigi neue Attraktionen?

Unsere Wahrnehmung scheint sich verändert zu haben. Die Mobilität, die Schnelligkeit, die rasenden Bilder verfälschen die Anschauungskraft. Durch die tägliche Bilderflut sind wir gewohnt, schnelle Schnitte zu machen wie bei Fernsehnachrichten. Das Auge ruht nicht auf dem Bild. Es wird zum raschen Wechsel, zum Hüpfen, nicht zum Spazieren gezwungen. Der Tourist schiesst Fotos um Fotos. Die besuchte Landschaft wird unscharf. Sie wird gar nicht erfahren, nicht echt wahrgenommen.

Eine Gegend als Landschaft zu sehen, will erlernt sein. Vorerst zieht die Rigi Menschen an, weil von ihr wunderbare Bilder in den Medien zirkulieren. Die Werbung bereitet sie auf und nimmt meist Bezug zu Elementen, die ihr zugeschrieben werden. So ist sie zum Beispiel die «Königin der Berge». Nicht das Matterhorn oder die Jungfrau gelten als König oder Königin, sondern eben die Rigi. Warum darf sie nicht mit dem verlockenden Wort «Königin» werben?

Nun fährt der moderne Reisende auf diesen königlichen Berg. Schon bald spürt er, dass seine Geduld auf die Probe gestellt wird. Die Bahn kriecht langsam höher. Wer aber nicht unter einem Temposyndrom leidet, gibt sich gelassen der Fahrt von Vitznau oder von Goldau hin. Es dauert. Aber während der Dauer kann er wahrnehmen, wie sich die Gegend vor seinen Augen entfaltet. Je höher die Bahn klimmt, desto herrlicher breitet sich der Alpenkranz aus. Auf dem Gipfel ist die Aussicht phänomenal. In alle vier Himmelsrichtungen schweift der Blick.

Es besteht die Chance, eine Landschaft neu zu entdecken. Landschaft ist erst, wenn wir sie in freiem Geist ästhetisch wahrnehmen, wenn unser Blick keinen anderen Zweck verfolgt, als die Schönheit zu geniessen und die wechselnde Stimmung auf sich wirken zu lassen. Der Mensch muss frei sein von Zwängen. Gelingt ihm dies, dann erlebt er die Landschaft in ihrer Einmaligkeit. Der Mensch sieht nur, was er sehen gelernt hat. Vielleicht sagt ihm die Aussicht nicht viel. Er beobachtet vielmehr die weidenden Kühe und Rinder oder wartet auf ein gutes Essen. Oft sind es Bilder von Künstlern, die den Sinn für die Schönheit einer Landschaft geformt haben. Auch Schilderungen von Dichtern und Schriftstellern lehren, was als schön empfunden werden kann.

Nun kündigt der Direktor der Rigi-Bahnen mit einem Masterplan an, viele Millionen investieren zu wollen, um auf der Rigi verschiedene Attraktionen zu schaffen: eine Eventalp, ein Schwizer Bergdörfli, ein Spielplatz mit Streichelzoo usw. Dagegen ist eine Petition eingereicht worden. Wer den Touristen die Chance nicht nehmen will, dass sie staunen und zufrieden nach Hause fahren, darf auf diesem Berg nicht allzu viele Schauplätze anbieten, die zu Ähnlichem führen, was es schon überall gibt. Es ist nicht so, dass man den Kindern etwas gibt, wenn man ein Spieldörfchen schafft. Man nimmt ihnen vielmehr, was sie lernen sollten: Schauen, Staunen, Betrachten. Damit kann die Anschauungskraft wachsen und der ästhetische Sinn für die überraschende Landschaft wach werden. Was für die Kinder gilt, sollte den Erwachsenen heilig sein. Der Berg inszeniert sich selbst, er ist die Sensation, Sensationen, die ihnen Unternehmer aufdrängen wollen, lenken davon ab.

(Andreas Iten zählt zu den Erstunterzeichnern der Petition.)

Was am 1. August auch gesagt werden müsste

Was uns froh macht: Die Schweiz ist ein selbständiger Rechtsstaat, den es zu loben gilt. Was aber auch gesagt werden müsste. Sie steht im Schutz der EU. Freudige Nachrichten: Der Eurokurs ist auf 1.14 gestiegen, weil Europa sich wirtschaftlich positiv entwickelt. Das gibt dem früher viel und oft gescholtenen SNB-Direktor Thomas Jordan für die Aufhebung des Mindestkurses recht und entlastet die Exportwirtschaft. Macron möchte in Nordafrika Auffanglager für Flüchtlinge bauen. Das schlagen auch Schweizer Politiker vor. Aber was hätte dies für einen Sinn ohne die Zusammenarbeit mit der EU. Die Bundespräsidentin jubelt. Das Verhältnis zur EU habe sich entkrampft. Plötzlich fallen technische Handelshemmnisse weg, weil die Masseneinwanderungsinitiative (MEI) europatauglich umgesetzt worden sei. Nun ärgern sich viele Firmen über den Inländervorrang und vergessen, dass dies die harmloseste Folge der unsinnigen MEI ist. Die EU versage in der Flüchtlingskrise. Wie erst würde sie die Schweiz belasten, wenn es den Schengen-Vertrag mit der EU nicht gäbe und die Nationalstaaterei im Sinne von Orban die Flüchtlinge weiter Richtung Schweiz lenken würde? Bauten wir dann einen Stacheldraht um die Schweiz. Die EU wehrt sich gegen den Protektionismus. Ohne sie stünde die Schweiz schutzloser da. Das Loblied auf die Freiheit würde ziemlich hohl klingen, wenn es die EU nicht gäbe. Das müsste auch einmal gesagt werden.

Endliche Erde

Buchbesprechung

Thomas Sprecher, Jurist und Literaturwissenschaftler, widmet dem Pionier des ökologischen Nachhaltigkeitsdenkens, Ernst Basler, ein hervorragendes Werk, das die Entwicklung des Umweltbewusstseins nachzeichnet.

Die Plötzlichkeit eines Einfalls, der das Leben eines Menschen verändert und bestimmt, ist nur dem geschenkt, der fragend durch die Welt geht. Dies ereignete sich bei Ernst Basler, der als Ingenieur mit seiner Familie an die Expo 64 fuhr, im Welschland Ferien machte, um einige Male die Ausstellung besuchen zu können. Sie thematisierte unter anderem den Fortschritt. Schon im Eingangsbereich begegnete Basler hässlichen Bildern von Umweltverschmutzung und Zersiedlung des Landes. Das war die Kehrseite der zivilisatorischen Höherentwicklung. Als junger Ingenieur war er vom steten Streben nach immer besseren Zuständen des Dasein beseelt. Aber er sah auch deren Ambivalenz. Den positiven Seiten standen negative gegenüber. Ernst Basler erkannte das Dilemma, in das die Menschheit zu geraten schien. Die Erde mit ihren beschränkten Ressourcen war endlich, das Begehren und die Wünsche der Menschen hingegen uferlos, ja sie wuchsen exponentiell. Also drohte die Gefahr der Ausbeutung und Übernutzung der Erde und der Beeinträchtigung der Biospähre, in der Leben möglich ist.

Wie liessen sich die negativen Folgen des Wachstums begrenzen? Plötzlich stiess Ernst Basler auf den Begriff der Nachhaltigkeit, der im eidgenössischen Forstgesetz von 1876 in dem Sinne definiert wurde, dass nicht mehr Wald geschlagen werden durfte, als nachwuchs. Baslers geniale Einsicht galt dem Gedanken, diesen eingängigen Begriff auf sämtliche Bereiche der Nutzung von irdischen Ressourcen zu übertragen. Er schildert sein damaliges Dilemma mit den Worten: «Es wächst nicht nur die Bevölkerung, auch deren Verbrauch an Gütern, Energie und Siedlungsfläche wird mit wachsendem Wohlstand grösser – nicht aber der verfügbare Lebensraum und die Ressourcen.» Da war ein künftiger Konflikt programmiert. Basler ging daran seine Einsicht wissenschaftlich zu begründen. Er fand dabei, dass das materielle Wachstum nicht nur linear fortschritt, sondern in immer grösseren Schritten, exponentiell. In den sechziger Jahren wollte niemand etwas von einer Konfrontation des zivilisatorischen Wachstums mit der Endlichkeit der Erde hören.

Thomas Sprecher widmet nun dem damals unbequemen Mahner, der als erster auf die sich anbahnenden globalen Gefahren hinwies, das Buch «Endliche Erde». Er zeigt auf, wie der Begriff der Nachhaltigkeit an Boden gewann und das Bewusstsein der Menschen beeinflusste. Basler schrieb 1972 ein Werk, in dem er seine Forschungsergebnisse unter dem Titel «Strategie des Fortschritts» zusammenfasste. Das Besondere und Reizvolle an Sprechers Schrift ist die Art, wie er die wissenschaftlichen Befunde Baslers und dessen engagiertes Lebenswerk mit der allmählichen Entfaltung des Umweltbewusstseins verwoben hat. Die Leserinnen und Leser gewinnen durch die Lektüre eine vertiefte Kenntnis dieser Entwicklung. Sie können zugleich verfolgen, wie Ernst Basler als Speerspitze der Forschung versuchte, die Menschen auf die Folgen des masslosen Wachstums aufmerksam zu machen. Basler entwickelte seine Ideen als erster im universitären Rahmen (am MIT, Massachusetts Institute of Technology). Im Zentrum seiner Gedanken stand die Nachhaltigkeit. Baslers Aufruf lautete, die Menschheit müsse sich neu orientieren. Er erkannte schon vor 45 Jahren, dass der Zivilisationsprozess in Schwierigkeiten geraten würde, schritte die Übernutzung der Biosphäre fort. Er vertraute aber darauf, dass bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ein breiteres Umweltbewusstsein vorhanden sein würde. Die Menschen würden begreifen, dass die Qualität der Entwicklung wichtiger sei als der masslose quantitative Konsum und der Verbrauch von Ressourcen. Damit war auch der Begriff des «Qualitativen Wachstums» geboren.

Nun wird allmählich klar, dass uns die wissenschaftlich begründeten Vorhersagen einholen. Der Klimawandel ist ein Vorbote dieser Erkenntnis, andere werden folgen. Der Verlust der Biodiversität schreitet voran, die Überdüngung der Wiesen und Äcker wird erkannt, die Verschmutzung der Weltmeere bestätigt frühere Bedenken, Regenwälder werden nicht nachhaltig geschlagen. Das Umweltbewusstsein der Menschen ist zwar sensibler geworden, aber es mangelt teilweise am Willen, die Erkenntnis politisch umzusetzen. Basler hatte mit seinem Buch von 1972 «Strategie des Fortschritts. Umweltbelastung, Lebensraumverknappung und Zukunftsforschung» insofern Pech, als es vom Werk des Club of Rome «Die Grenzen des Wachstums» überschattet wurde.

Das glänzend geschriebene Buch «Endliche Erde» gibt nicht nur einen hervorragenden Überblick über die Entstehung des Umweltbewusstseins, sondern es ehrt auch einen Schweizer Pionier, der mit seinem Engagement die Politik seines Landes beeinflusst hat. Für Ernst Basler, Ingenieur und Unternehmer wie auch Wachstumskritiker war klar, es durfte und darf nicht weitergehen wie bisher.
 

Thomas Sprecher: Endliche Erde. Ernst Basler, Pionier des ökologischen Nachhaltigkeitsdenkens. NZZ Libro, 2017.
 

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Die Durcheinanderwelt

Buchbesprechung

Der ehemalige Bundesrat und Unternehmer Kaspar Villiger hat eine neues Buch veröffentlicht: «Die Durcheinanderwelt. Irrwege und Lösungsansätze». Im Vorwort verweist er auf Friedrich Dürrenmatts Roman «Das Durcheinandertal» und gesteht, dass ihn dieser Titel zu dem seinen angeregt hat. Villiger legt in einer analytisch ruhigen und stilsicheren Sprache in drei Abschnitten und dem Schlusskapitel «Etüden zur Freiheit» seine liberale Vorstellung einer politischen und wirtschaftlichen Welt von heute dar.

Im ersten Abschnitt befasst er sich mit der Veränderung der Weltordnung und glaubt, dass sie in eine Weltunordung umgeschlagen hat. Es zeichnen sich verschiedene Krisen ab. Die moderne Marktwirtschaft gerate unter den Primat der Politik. Das habe fatale Folgen. Er zeigt die Konsequenzen und Auswirkungen der Geldflutung durch die EZB und der Tiefzinspolitik. Die Weltordnung sei gestört durch die Migration, die Umweltbelastung, die Veränderung der Demographie und durch die Dominanz der Interessen über die Werte. Auch die Krise der Europäischen Union sei ein Symptom der Unordung. Zudem gebe es überall nationalistische Tendenzen und populistische Strömungen, die die demokratischen Werte in Frage stellten. «Wir stellen fest, dass in der Realität Interessen zunehmend wieder höher als ethisch-moralische Bedenken gewichtet werden.»

Im zweiten Abschnitt beschäftigt sich der Autor mit der «Blüte und Siechtum von Nationalstaaten». Er skizziert ein Sozialmodell, das vielen Staaten fehlt. «Ein erfolgreiches Sozialmodell enthält … nicht nur ökonomische, sondern auch soziale Institutionen. Ein leistungsfähiges soziales Sicherheitsnetz erleichtert die ständige Erneuerung der Wirtschaft und macht die Menschen risikobereiter, weil auch Verlierer besser geschützt sind.» Deshalb sei der Sozialstaat ein unverzichtbarer Pfeiler der Marktwirtschaft. Man gewinnt den Eindruck, dass der ehemalige Bundesrat darunter leidet, dass es an Bürgertugenden mangelt. Man wird ihm Recht geben, wenn man das «übersteigerte Besitzstandsdenken» betrachtet, über das er kritisch schreibt. Er lobt das Schweizer Sozialmodell, das er bedroht sieht durch Ideologien und Populisten, aber auch durch die Einwanderung. Im Kapitel «Einwanderung: Fluch oder Segen?» untersucht er ihre Auswirkungen. Villiger zitiert Experten und Fachleute mit ihren Forschungsergebnissen und stützt mit wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen seine eigenen Ideen und Erfahrungen.

Im dritten Abschnitt legt er eine Skizze eines neuen Europa vor. Voran steht das Bekenntnis, dass ein starkes Europa im Sog der Weltentwicklung notwendig sei. «… ein erstarktes politisches Gewicht Europas ist unabdingbar, wenn Frieden und Demokratie in unserer Weltgegend auf Dauer gesichert werden sollen. Um das zu erreichen, bedarf es nun einmal der Europäischen Union, ob man sie mag oder nicht. Vielleicht ist es paradox, aber dieser kritische Aufsatz ist das Plädoyer eines Schweizer EU-Beitrittsgegner für eine erfolgreiche EU.» Da Villiger überzeugende Vorschläge unterbreitet, wie die EU von morgen aussehen könnte, werden ihm Europa-Politiker Gehör schenken. Er analysiert die Krankheiten der bestehenden EU emotionslos, aber sehr stringent. Er legt eine Skizze vor, wie die Union lebensfähiger werden könnte. Sein Zehnpunkteprogramm zur Revitalisierung der EU ist überzeugend. Mit diesem Empfehlungen unterscheidet er sich von EU-Gegnern, die nichts in der Hand haben als Verunglimpfungen. Sein Denkimpuls dürfte in Brüssel auf Interesse stossen.

Villiger wurde 2016 von der Friedrich-Naumann-Stiftung in Deutschland mit dem Friedenspreis ausgezeichnet und hielt in der Frankfurter Paulskirche vor einem grossen Publikum ein viel beachtetes Referat. In den «Etüden zur Freiheit», die das Buch abschliessen, hat der Autor Elemente seiner Dankesrede verarbeitet. Kaspar Villiger sieht sich darin nicht als abstrakt-philosophischer Denker der Freiheit. Er weiss, dass dieser transzendente Begriff genau so wie Leben, Sinn, Glück u.a.m. nicht abschliessend definiert werden kann. Vielmehr betrachtet er, was Freiheit im Alltag, in der Politik und in der Marktwirtschaft konkret bedeutet. Seine Ausführungen sind glasklar.

Das Buch sei den engagierten und interessierten Staatsbürgern empfohlen. Es klärt die eigene Position. ob links oder rechts, und konfrontiert den Leser mit dem liberalen Standpunkt eines sehr erfahrenen Autors, der sich auch durch weitere staatspolitische Schriften ausgezeichnet hat. Dem Autor geht es um einen funktionierenden Staat und eine selbstbestimmte Bürgerlichkeit. Seine Gedanken kreisen im tiefsten Kern um ein Sozialmodell, das er im Buch ausführlich darstellt. Dieses Modell schildert die Voraussetzungen, die möglich machen, dass der Mensch sein Leben in Selbstverantwortung gestalten kann.
 

Die Durcheinanderwelt. Irrwege Lösungsansätze. NZZ Libro, 2017
 

Werke von Kaspar Villiger:
  • Eine Willensnation muss wollen, NZZ Libro 2009
  • Mit Freiheit und Werten zu Wohlstand, Walter Eucken Institut, Beiträge zur Ordnungstheorie und Politik 178, Mohr Siebeck Verlag 2012
  • Pendler zwischen Wirtschaft und Politik, Essays und Reden, Stämplli Verlag 2014
  • Demokratie und konzeptionelles Denken, Politik im Spannungsfeld von Zwängen, Emotionen und Zufall, NZZ Libro 2015

Netzwerk Bruder Klaus

(Leserbrief)

Im Internet unter «Netzwerk Bruder Klaus» kann jedermann die Aktivitäten, die zum 600-Jahr-Jubiläum des Heiligen vom Ranft aufgeführt sind, nachlesen. Der Trägerverein hat sich grossartig engagiert, ein imponierendes Programm zusammengestellt und eine grosse Reihe von Persönlichkeiten engagiert, die zu Bruder Klaus etwas zu sagen haben. Es darf davon ausgegangen werden, dass diese auf einer Liste aufgeführten Redner keine eigennützigen Zwecke verfolgen. Im Jahr der Heiligsprechung 1947 pilgerten die Zuger Pfarreien in den Ranft. Ich durfte als Elfjähriger mitgehen und war tief beeindruckt vom Anlass und dem Ranft. Ein Leben lang zog es mich in dieses stille, leise schluchtartige Kerbtal, das zur Meditation anregt.
Ich war deshalb überrascht, dass ich erst so richtig auf das Jubeljahr aufmerksam wurde, als das Schweizer Fernsehen in einer Sendung darauf hinwies. Landammann Franz Enderli führte geschickt und an Ort in die Bedeutung des Anlasses ein. Von den Printmedien, der Luzerner Zeitung, habe ich kaum etwas vernommen. Nicht einmal, als in Luzern über die grosse Referentenliste orientiert wurde, schrieb die Presse einen ausführlichen Bericht. Dann die Bombe! Herr Blocher werde zum Bruder Klausen-Jahr auch auftreten. Grosse Aufmachung in der Zugerzeitung und der übrigen Blätter des Verlags.
Christoph Blocher hat übrigens schon einmal über Bruder Klaus referiert. Er machte den Mann im Ranft aber zu einem Propagandaträger seiner eigenen Ideen der Schweiz von heute. Nun wundert sich Peter Henseler in der «Zentralschweiz am Sonntag», dass sich der Politiker herausnimmt, über den Heiligen zu sprechen. Er wundert sich zugleich, dass niemand gegen die Unverfrorenheit Blochers protestiert, sich mit seiner Diskussion mit Huonder in die Reihe der Anlässe einzumischen. Es mag ihm unbenommen sein. Mir aber verdirbt er das Jubiläumsjahr. Es bekommt nun plötzlich einen politischen Anstrich. Wo ist die CVP, die sich gegen eine solche Wertverschiebung wehren müsste? Jedes Wort, das Peter Henseler in seinem Leserbrief schreibt, trifft mit dem Hammer auf den Kopf des Nagels.