Klartext sprechen

Leserbrief zum Artikel «Ausschaffen mit Ausnahmen» in der NLZ vom 11. Dezember 2014

Die Initianten der Ausschaffungsinitiative wussten zum vornherein, dass ihr Vorschlag nicht direkt umsetzbar ist. Wie sollte dies ein ehemaliger Bundesrat, der das Justizdepartement leitete, nicht wissen. Die Initiative schafft einen Konflikt zwischen Rechtsstaat und Demokratie. Da bei den Initianten die Vorstellung herrscht, das Volk habe immer Recht, übersehen sie bewusst die bestehenden Verfassungsgrundsätze, die das Volk ja auch beschlossen hat: die Verhältnismässigkeit und die völkerrechtlichen Bestimmungen. Dem Bundesrat und dem Parlament gewährt die Initiative fünf Jahre Zeit zur Ausarbeitung des Gesetzes. Aber schon kurze Zeit nach der Annahme der Volksinitiative am 28. November 2010 titelte die SVP: Der Ständerat will kriminelle Ausländer nicht ausschaffen. Es war aber keineswegs so, wie behauptet wurde. Nur zwei Jahre später reichte die Partei deshalb die sogenannte «Durchsetzungsinitiative» mit über 155'000 Unterschriften ein. Bei der Prüfung der neuen Initiative erwog die Justizministerin Simonetta Sommagruga, Teile des neu vorgeschlagenen Verfassungstextes für ungültig erklären zu lassen. Es war klar, dass auch die neue Initiative gegen die oben genannten Verfassungsgrundsätze verstossen und einen noch krasseren Konflikt zwischen Demokratie und Rechtsstaat schaffen würde.
Es ist leider Usus geworden, Initiativen einzureichen, die zu unlösbaren verfassungsrechtlichen Konflikten führen. Der Ständerat hat nun glücklicherweise die Härteklausel ins Gesetz aufgenommen. Zugleich vertagte er die Beratung der Durchsetzungsinitiative, und verhindert damit, dass im Wahljahr 2015 darüber abgestimmt werden muss. Nun regte sich plötzlich – welch ein Wunder! – auch das rechtsstaatliche Gewissen einiger Nationalräte. Sie liessen verlauten, sie würden dem Kompromissvorschlag des Ständerats nun auch zustimmen.

Die Initianten ihrerseits sind nicht zum Kompromiss bereit. Bei der Zweitwohnungsinitiative ist das freilich anders. Es kann nicht genug daran erinnert werden, dass der Rechtsstaat das höchste Gut der Demokratie ist. Wo ein Parlament darüber hinweg schaut, schadet es der Rechtssicherheit der Bürgerinnen und Bürger. Wetten, dass auch das vernünftige Volk dem Kompromiss zustimmen würde.

Inflationäre Partei-Politik

Leserbrief

Erfolg und Fortschritt wecken ständig neue Wünsche. Je mehr erreicht wird, desto mehr wird verlangt. Das ist eine Art Gesetz, das gesamtgesellschaftlich gilt, sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik. Bereits als Parteipräsident hat Ueli Maurer das Prinzip erkannt: «Es braucht», sagte er einmal, «immer neue Formen der Eskalation. Unsere Messerstecher-Inserate würden heute niemanden mehr aufregen.» Das Streben nach Erfolg setzt stets neue Forderungen frei, die dann weder durch die staatlichen noch durch die privaten Institutionen eingebunden werden können. Was freigesetzt, aber nicht bewältigt werden kann, wird Flugsand. Dies lässt sich mit der Inflation von Initiativen verdeutlichen. Der scheinbar einfache Vorstoss «Landesrecht vor Völkerrecht» klingt wie eine Selbstverständlichkeit. Werden aber die mit ihm in Gang gebrachten komplexen Verzweigungen bedacht, ergeben sich in einer globalisierten Welt grosse Schwierigkeiten. Die «rechtsanwendenden Organe» (NZZ, vom 28, November) müssten Aspekte berücksichtigen, die viel schwerer wiegen würden als die einfache Formel suggeriert. Diesen Sachverhalt nehmen wir bei fast allen Initiativen wahr. Und weil dies so ist, werden die Wünsche nach der Umsetzung progressiv, was meist einhergeht mit einer massiven Kritik am Bundesrat. Am Ende schweben viele unerfüllten Wünsche herum und schaffen Unruhe und Misstrauen. Die direkte Demokratie hat auf einmal Schlagseite. Darum stellt sich immer gebieterisch die Forderung nach einer Verfassungsgerichtsbarkeit, damit genau geprüft wird, was dem Volk als Initiative vorgelegt werden kann.

Warum Blocher gegen die EU sein muss

Christoph Blocher handelt, nach eigenen Aussagen, sowohl als Unternehmer wie auch als Politiker nach seinem von ihm entworfenen Handlungsprinzip. Der Journalist Matthias Ackeret hat darüber ein Buch geschrieben. Es heisst «Das Blocher-Prinzip. Ein Führungsbuch». Dort interviewte er Blocher, der auf seine Fragen antwortete. Das Buch enthält interessante, aber diskutable Führungserkenntnisse. Es finden sich bei den Antworten auch scheinbar ganz allgemeine Grundsätze wie «Die Dinge sehen, wie sie sind, schärft den Blick für die Wirklichkeit und für das zu allen Zeiten Gültige». Blocher grenzt den Begriff «Wirklichkeit» gegen die Realität ab. Er versteht darunter etwas naturhaft Vorgegebenes, das der Mensch nicht ändern kann. Was der Mensch schafft, sind für Blocher Realitäten. Der Begriff Wirklichkeit hängt für Blocher eng mit seiner Glaubensüberzeugung zusammen, worüber später zu sprechen ist.

Im Buch «Das Blocher-Prinzip» wird in verschiedenen Kapiteln das Führungsprinzip abgehandelt. Der Leser lernt den Unternehmer und Politiker kennen. Er erhält auch Einblick in dessen Privatleben, in Familie und Erziehungspraxis. Blochers Vorliebe für die Maler Albert Anker und Ferdinand Hodler gibt Hinweise auf sein Kunstverständnis.

Die Art wie sich der Befragte im Buch «Das Blocher-Prinzip» präsentiert, ist wie ein Beleg seiner Führungsvorstellungen. Der Interviewer stellt Fragen und verzichtet auf kritisches Nachfragen. Fragen stellen wäre Schwafeln, sinnloses Gerede. Zweck der Führung sei es, den Auftrag zu erfüllen, der entstehe, indem der Vorgesetzte dem Untergebenen einen klaren, unmissverständlichen Auftrag vorgibt. Dieser Untergebene hat den Auftrag zu verinnerlichen und erst, wenn er sich in die Situation des Vorgesetzten hineinversetzen kann, bekommt der Auftrag die nötige Tiefe. Hat der Untergebene den Auftrag angenommen, wird der Vorgesetzte selbst zum Untergebenen, weil er dann die Verantwortung für das Resultat zu tragen hat. Nun hat er die Ausführung konsequent zu überwachen und durchzusetzen. Findet der Untergebene den Auftrag unverständlich oder nicht klar formuliert, so hat er keine Fragen zu stellen, sondern einen besseren Projektantrag, eventuell mit Varianten, vorzulegen. Der Chef prüft den Antrag des Untergebenen. Leuchtet ihm ein, was der Untergebene abgeändert hat, modifiziert er seinen eigenen Auftrag, genehmigt ihn, und nun neu formuliert, macht er ihn so zu seinem eigenen. Blocher glaubt, der Untergebene erlebe mit diesem Vorgang, dass er mitbestimmen könne. «Diese stark auftragsorientierte Führung, die strenge Massstäbe stellt an die Antragstellung und die Führung durch Antragsstellung bietet … den Mitarbeitenden viel Freiraum. Und ein Maximum an echter Mitbestimmung, ja Mitentscheidung» (Bl. S. 42). Es sei eine Freude, einen schwierigen Auftrag erfüllen zu dürfen, die Schwierigkeiten zu überwinden, ein Ziel zu erreichen. Schwierige Aufträge würden sowohl den Vorgesetzten als auch den Untergebenen befriedigen und motivieren.

Nun aber stehe der Unternehmer in der Verantwortung und habe die Pflicht, die Ausführung zu überwachen. Er müsse wie ein «Foxterrier» dauernd hinter «dem Knochen» her sein, zitiert Blocher Churchill. Der Vorgesetzte müsse dort sein, wo er den grössten Einfluss ausüben könne, und er müsse ständig entscheiden, was wichtig und was nicht wichtig sei. Reden, fragen, schwafeln führe nicht zum Ziel, auftragsgemäss handeln sei das allein Richtige. Der Vorgesetzte könne dann genau überprüfen, wie der Auftrag ausgeführt werde.

Dieses Prinzip wendet Blocher auch bei der Führung der Partei an: «Ich habe der Parteileitung ein Programm beantragt. Diese hat es – vielleicht mit Änderungen – genehmigt. Sie hätte es auch ablehnen können. Durch die Genehmigung wurde das Programm zu meinem Auftrag. Diesen durchzusetzen, ohne Rücksicht auf mein Ansehen, war damit gegeben» (Bl. S. 33). Aufschlussreich ist der Einschub: vielleicht mit Änderungen, und dann der Satz im Konjunktiv, die Parteileitung hätte es auch ablehnen können. Als Vorsitzender ist Blocher Vorgesetzter und wird durch die Genehmigung des Programms zugleich Untergebener, zum Auftragnehmer, der verpflichtet ist, dieses strikte durchzuführen.
Das Blocher-Prinzip bewegt sich in einem Zirkel. Mit diesem Vorgehen wird der Parteipräsident zum alleinigen Führer mit dem Auftrag, den er sich im Grunde selbst gegeben hat. Will etwa ein Kollege im Vorstand Kritik üben, so hat er einen Antrag, mündlich oder schriftlich, vorzubringen. Bei der machtvollen Position von Blocher, als Präsident oder Vizepräsident, dürfte er es schwer haben, gegen den vorgelegten Antrag zu bestehen. Aufmüpfigen werden so allmählich der Schneid und der Mut zum Widerspruch abgekauft. Das hat Bundesrat Samuel Schmid erfahren, den die eigene Partei degradiert und als halben Bundesrat ausgemustert hat.

Das Blocher-Prinzip führt in der Politik zur Autokratie. In seiner Konsequenz ist es undemokratisch. Blocher formulierte seine autokratische Haltung einmal wie folgt: «Ich war stets Mittel zum Zweck, das sich als notwendig erwies» (Bl. S.190). Betrachtet man diesen Satz im Licht des Kapitels «Menschenbild, Religion und Kirche» (Bl. S. 193ff.), begreift man, warum diese Selbstbestätigung radikal und in Ansätzen fundamental ist.

Der junge Blocher hat die Schriften des evangelischen Theologen Karl Barth gelesen, die ihn begeistert haben. Barth sei für ihn theologisch richtungsweisend geworden. Barths Lehre von der Gnadenwahl hat ihn tief beeindruckt. Am Beispiel von Maria, die ausgewählt worden sei, die Mutter Gottes zu werden, glaubte der Theologe Barth zu erkennen, dass ihr Leben als Durchführung des in Ewigkeit Beschlossenen zu verstehen sei. Analog gelte dies auch für den einzelnen Menschen. Blocher selber sagt: «Ich habe ein christlich-abendländisch geprägtes Menschenbild. Der Mensch ist eine Kreatur Gottes. Er ist Ebenbild Gottes, wie es in der Bibel heisst, aber eben nur Ebenbild. Nicht Gott selbst. Deshalb wird der Mensch nicht durch eigene Verdienste, eigene Leistung, eigenes Verhalten bestimmt, sondern durch die Gnade Gottes» (Bl. S. 185). Der Mensch ist also ein vorbestimmtes Mittel zum Zweck.

Karl Barths Theologie hat die politische Haltung und das Selbstverständnis Blochers beeinflusst. Der Glaube, zitiert Blocher, sei das Verhältnis Gottes zu den Menschen und nicht umgekehrt. Das erinnert an die Sola-Gratia-Lehre Luthers. Der Mensch erlangt allein durch Gottes Gnade Heil in ewiger Seligkeit. Er kann es nicht durch Handeln verdienen. Auf Erden aber ist Erfolg ein Zeichen, dass er in der Gnade Gottes steht. So lässt sich Blochers Behauptung, er plane nicht, er habe für sich nie geplant, er sei stets Mittel zum Zweck gewesen, verstehen. Und wenn er noch beifügt, das habe sich immer als notwendig erwiesen, so scheint er zu glauben, er folge dem Ratschluss einer höheren Wirklichkeit, sein Leben sei Geschick.
Blocher findet für die Begründung seines Handelns stets neue Formulierungen: «… die wahre Freiheit besteht nicht darin, tun zu können, was man will, sondern darin, das tun zu wollen, was man muss» (Bl. S. 107). Hier kommt wieder Blochers Begriff der «Wirklichkeit» ins Spiel. Die «Wirklichkeit» ist das von Ewigkeit Vorgegebene. Auch sein pfarrherrlicher Bruder Gerhard äussert sich ähnlich. «Dem Christen (werde) jede Möglichkeit zu einer Entscheidung abgesprochen, selbst der Entscheid zur Annahme der Gottesliebe und zur Anerkennung der Barmherzigkeit Gottes, weil nach (Pfarrer) Blochers Bibelverständnis Gott diese Entscheidung in jedem Fall bereits vorweggenommen hat» (Zaugg, S. 165).

Jürgen Kaube fasst die Protestantismusthese in seinem Buch über Max Weber wie folgt zusammen. Die «reformatorisch Theologie … hat ihren Anhängern die Möglichkeiten verwehrt, durch gute Werke wie Almosen, Gebete oder Abgaben an die Kirche etwas für das Seelenheil zu tun. Gottes Entschluss, wen er verdamme oder erlöse, sei völlig unerforschlich. Weil in all dieser Ungewissheit ökonomische Erfolge als Zeichen göttlicher Zuneigung gedeutet wurden, förderte dies als unbeabsichtigte Nebenfolge asketische Einstellungen, einen Berufsfleiss und eine systematische Disziplin der Lebensführung, die zu den Voraussetzungen des Industriekapitalimus gehörten» (S. 136f.).

Im Buch «Das Blocher-Prinzip» erkennt man eine ähnliche geistige Haltung und man darf wagen zu behaupten, darin stecke der Kern von Blochers Identität. Es handelt sich um eine Zirkelschluss-Identität, die Blochers Selbstverständnis charakterisiert. Eine solche in sich drehende Identität, gibt Sicherheit und ein übersteigertes Selbstwertgefühl. Sie erlaubt überzeugt aufzutreten und andere Meinungen lächerlich zu machen oder zu ignorieren. Selbstkritik würde die Auftritte und die Argumentation schwächen. Seit dem von ihm erstrittenen EWR-Nein folgt er dem Auftrag, der ihm das «Volk» gegeben hat. Er weiss, was er zu tun hat, er glaubt an den Auftrag. Dieser ist zu einer Art Glaubenswahrheit geworden. Hierin handelt er fundamentalistisch. In dieser Falle sitzend bedarf er keiner weiteren Beweise für sein Handeln.

Blochers Stärke nährt sich aus dem Auftrag, den er vom „Volk“ erhalten zu haben glaubt. Er ist der Gefangene dieses Auftrags. Er ist nicht mehr frei. Als Politiker muss er nun wollen, was das „Volk“ gewollt hat. Er muss den Mehrheitswillen mit aller Konsequenz und allen Mitteln durchsetzen. So entsteht die Idee von «Durchsetzunginitiativen». «Treue zur Sache ist die Treue zum Auftrag, das heisst bedingungslose Erfüllung» formuliert Blocher in seinem Führungsbuch. In dieser Situation wächst der Gedanke – vox populi - vox dei – in Blochers Sprache: Das «Volk» hat immer Recht. Damit hat er ein weiteres Argument, als «Foxterrier» hinter dem Knochen nach zu sein. Dass die Annahme vox populi - vox dei
falsch ist, zeigen zahlreiche nicht umsetzbare Initiativen und auch frühere Abstimmungen wie die Ablehnung des Frauenstimmrechts. Dies wird auch die Annahme der Einwanderungsinitiative zeigen, die im Kern gegen die EU gerichtet ist und letztlich nur mit ihrem Einverständnis die Situation für die Schweiz klärt.

Mit dem EWR-Nein von 1992 glaubte Blocher ein für alle Mal den Auftrag erhalten zu haben, sich gegen die EU stellen zu müssen. Und so schlussfolgert er, dass alles, was von der EU komme, im Grunde gegen den «Volksauftrag» sei. So deutet er die Masseneinwanderung als Ergebnis der Personenfreizügigkeit, die eine üble Konstruktion der EU sei. Es dürfe nicht sein, dass sich die Schweiz diesem Prinzip der EU unterwerfe. Und selbst nach der Zustimmung zur Initiative, wo sich die Komplexität der Sachlage deutlich offenbart, gilt es den Volkswillen strikte durchzusetzen. Im Zirkel befangen, sind Blocher und seine Anhänger blind und wollen nicht erkennen, dass die Masseneinwanderung vielmehr eine Folge der Wachstumsideologie, der Standortkonkurrenz der Kantone, der Steuerprivilegien, des Bankgeheimnisses schweizerischer Art, aber auch der politischen Stabilität des Landes ist. Milliardenvermögen suchten in den verflossenen Jahren dank Steuerprivilegien und im Schutz des Bankgeheimnisses Anlagemöglichkeiten. Nun, da das Bankgeheimnis verschwindet, wollen Blocher und seine Leute es in der Bundesverfassung verankert haben.
Blocher zweifelt, dass die Masseneinwanderungsinitiative nach dem Volkswillen umgesetzt wird. Darum droht er bereits mit einer weiteren Durchsetzungsinitiative. Diese Drohung entspringt folgerichtig seinem Denken, das dem «Blocher-Prinzip» verhaftet ist. Es ist das Hebelgesetz seiner Politik. Es ignoriert die Realität, das heisst, die Gesetze der modernen, globalen Welt. Blocher hat nun einmal den Auftrag gefasst, gegen die EU zu kämpfen. Sie dient ihm als Sündenbock, mit dem der Wachstumswahn, die überbordende Einwanderung und die weiteren hausgemachten Probleme kaschiert werden können.
Viele hausgemachte Probleme sind auch durch die entfesselte Finanzindustrie entstanden. Er wäre spannend zu untersuchen, welche Rolle Christoph Blocher im Räderwerk dieser Politik gespielt hat. Er profilierte sich als starker Befürworter der Deregulierung und Privatisierung. Den Staat zurückdrängen war eines seiner Ziele. «Zusammen mit dem Bankier Martin Ebner schrieb er ein Kapitel Schweizer Finanzgeschichte, das noch der Aufarbeitung wartet …», schreibt Thomas Zaugg in seinem aufschlussreichen Werk «Blochers Schweiz» (S.11). Die kommende und durchaus nötige Auseinandersetzung mit der EU wird Blocher Verrat nennen. Die vom Bundesrat in Aussicht genommene Abstimmung über das Verhältnis der Schweiz zur EU wird ihn hoffentlich von seinem Auftrag, unter dem er seufzt, entbinden.

Zitierte Werke: Das Blocher-Prinzip. Ein Führungsbuch, Matthias Ackeret. Kuhn-Druck AG, Neuhaus am Rheinfall, 5. überarbeitete Fassung, Juni 2010 (Bl. S.)
Blochers Schweiz. Gesinnungen, Ideen, Mythen. Thomas Zaugg. 2014, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich
Jürgen Kaube: Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen. Berlin 2014.




































Nachhaltigkeit im Verkehr?

Leserbrief in der «Neuen Luzerner Zeitung»

Anlässlich der Diskussion im Ständerat über den zweiten Tunnel durch den Gotthard wurde auch das Wort «Nachhaltigkeit» bemüht. Zugleich meinte ein Standesvertreter, die zweite Röhre könne auch ein Trumpf bei den Verhandlungen mit der EU sein. Was kann der Zuhörer aus dieser Gedankenkombination lesen? Nachhaltigkeit ist ein Begriff aus der Waldwirtschaft, und bedeutet, dass nur so viel Holz geschlagen werden soll, wie auch nachwächst. Es ist verfehlt, bei einem zweiten Tunnel von einem nachhaltigen Projekt zu sprechen. Vielmehr hätte der Redner sagen müssen, der zweite Tunnel nütze der Effizienz des Verkehrs, und dass der Gotthard später vierspurig unterquert werden könne. Anders kann ich nicht verstehen, dass der Redner meinte, die zweite Röhre könne bei der Verhandlung mit der EU dienstbar gemacht werden.

Alles, was effizienter gestaltet wird, macht die Schweiz für Kapital und Arbeitsplätze attraktiver. Die zweite Röhre ist Ausdruck einer expansiven Politik, einer Politik, die auf mehr Wachstum zielt, und mehr Wachstum bedeutet eine Zunahme der Bevölkerung. Die Initiative, die am 9. Februar angenommen wurde, macht die Personenfreizügigkeit zum Sündenbock, sie hätte aber, um die Zuwanderung einzudämmen, die Wachstumspolitik ins Visier nehmen müssen. Niemand aber wagt sich für weniger Wachstum einzusetzen, auch die Initianten nicht. Fast jeder Vorstoss im Parlament zielt im Grunde auf Wachstum, dazu gehören auch Lohnforderungen.
Warum wagt kein Politiker die Wachstumspolitik anzugreifen? Wahrscheinlich hängt das mit dem Konsumismus zusammen, der alle parteipolitischen Standpunkte unterwandert und ausgehöhlt hat. Genau betrachtet gibt es weder eine linke noch eine rechte Politik, nur noch eine konsumistische. Die einen kämpfen darum, dass auch Menschen mit kleinen Einkommen am Konsum teilnehmen und die anderen, dass ihnen von dem, was sie haben, nichts abgeschnitten wird. Im Kern ging es bei der Abstimmung über die Masseneinwanderung genau um diese Frage. Vorgeschoben wirkte bei einigen das Feindbild EU. Wetten dass, falls die bilateralen Verträge dahin fallen und die Wirtschaft abspecken muss, die Stimmung wieder umschlägt. Die Initiative wird nun wie die Zweitwohnungs- und die Alpeninitiative zu einem demokratischen Eiertanz. Vielleicht wird uns, sind wir nur bereit etwas genauer hinzusehen, bewusst, dass wir in einer konsumgetriebenen Wachstumswirtschaft stecken, in der auch die Politik ein Motor ist.

Die Schweiz war noch nie so abhängig von der Europäischen Union

Es war zu erwarten, dass nach dem Ja zur «Masseneinwanderung» Schuldzuweisungen gemacht werden würden. Parlamentarier, die sich kaum während der Abstimmung bemerkbar machten, jedenfalls nicht klar ausdrückten, wissen plötzlich, dass der Bundesrat sich zu wenig engagiert habe und dass er für die zukünftigen Verhandlungen zu wenig taugt. So schreibt Ständerat Georges Theiler in der «Zentralschweiz am Sonntag» die Verhandlungen müssten nun hart, aber fair sein. «Bundesrätin Simonetta Sommaruga ist zwar eine begabte Pianistin. Ich glaube aber nicht, dass sie die Richtige ist, um harte Migrationsmassnahmen umzusetzen.» Wie despektierlich wird da eine Bundesrätin abqualifiziert! Dabei wissen wir, dass das Klavierspiel beide Hirnhälften ausbildet. Welch ein Kulturverständnis kommt da übrigens zum Ausdruck! In der Arena-Sendung zur Abstimmung, hat sie klar, sachkundig und deutlich gesagt, was Sache ist. Sie wurde aber vom Fraktionschef der Volkspartei und anderen Teilnehmern überschrieen. Immer wieder wurden die gleichen Argumente variiert, obwohl von der Bundesrätin widerlegt.


Wie schwierig der Ausweg aus dem nun geschaffenen Dilemma sein wird, hat die Journalistin und Redaktorin Sermin Faki in der Sonntagszeitung aufgezeigt. Das Sperren des Gotthards für Ausländerfahrzeuge übrigens würde der Schweiz mehr schaden als nützen. Wir erinnern uns an die Folge des EWR-Neins, als die Swissair Schwierigkeiten mit dem EU-Luftraum bekam, einen Ausweg suchte, zwar nicht tauglich und schliesslich Konkurs machte. Sicher ist nur eines: Sollten die Verhandlungen der Schweiz nicht zum Wohl des Volkes gelingen, sind die Schuldigen schon gefunden. Das Volk trifft keine Verantwortung, aber es hat dennoch die Folgen zu tragen. Ironie des selbstgewählten Schicksals: Die Schweiz war noch nie so abhängig von der EU wie nach diesem Entscheid.


Buchpräsentation «Die rote Karte» von Thomas Brändle

Einführung 16. und 17. Januar in Unterägeri und Zug

Mich freut es sehr, dass ich meinen Schriftsteller-Kollegen vorstellen darf.
Da ich mit Thomas befreundet bin, könnte aber der Eindruck entstehen, dass ich ihm schmeicheln wollte. Dieser Gefahr weiche ich aus, indem ich einen neutralen und höherrangigen Laudator zu Wort kommen lasse. Allerdings beruht dies auf einer Indiskretion.

Die Geschichte habe ich durch Zufall erfahren. Deshalb will ich sie nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Ich habe sie auf Hochdeutsch aufgeschrieben und ich lese sie Ihnen vor:

An einem Montag Ende Oktober schrillte das Telefon. Thomas rieb sich den Schlaf aus den Augen. Er nahm den Hörer ab und staunte: «Signore Thomaso Brändle, sono io, Papa Francesco. Sprechen Sie Spanisch?»

Thomas war so verblüfft, dass er kaum antworten konnte. Schliesslich, als der Papst Italienisch sprach, stotterte er: Solo poco … poco … Santità, meglio Inglese.»
Fast sprachlos hörte Thomas Papst Franziskus zu: «Signore Brändle ich habe schon als Kardinal von Ihrem Buch ‹Vatikan City› gehört. Mein Deutsch sprechender Mitbruder hat mir erzählt, dass Sie, gründlich recherchiert, beschrieben haben, wie dunkle Finanzmächte mit Hilfe eines Kardinals unsere Vatikanbank für Geldwäscherei benutzt hätten. Den Kardinal konnten wir mit Hilfe Ihrer Charakterisierung ausfindig machen. Nur haben Sie ihn einige Jahre älter gemacht, als er in Wirklichkeit ist. Der Kardinal stand auch mit meinem Jahrgänger, Silvio Berlusconi, in gutem Kontakt. Inzwischen habe ich Reformen eingeleitet; den zweitmächtigsten Mann im Vatikan, Tarcisio Bertone, entmachtet. Da Sie, Signore Brändle, Schweizer sind, habe ich einige Ideen von Ihrem Land übernommen. So habe ich flache Hierarchien geschaffen. Ich möchte die Kirche föderalistischer gestalten. Die Spuren Ihrer Recherchen im Werk ‹Vatikan City› reichen bis nach Südamerika, nach Bolivien oder Kolumbien, glaube ich. Die Länder kenne ich gut, und was dort den armen Menschen angetan wird, wie sie ausgebeutet werden, ist ein Skandal. Gut, dass Sie diesen aufdecken.

Übrigens, damit ich es nicht vergesse, mein Mitarbeiter hat mir Ihre Homepage gezeigt. Sie sind ein hübscher junger Mann mit strahlenden Augen, mit einer schwungvollen schön gekämmten Welle auf der Stirn. Sie seien ein Satiriker, erklärte er mir. Sie würde kleine Kolumnen über süsse Bäckereiprodukte schreiben. Das ist doch allerliebst! Ich muss mich stets beherrschen, wenn ich Patisserie nasche oder Zuger Kirschtorte vorgesetzt bekomme. Ihre Regierung hat mir dieses feine Gebäck beim Besuch in Rom überbracht. Entschuldigen Sie diese Abweichung vom Thema.

Durch Ihr spannendes Werk sind wir also auf Ihre Person aufmerksam geworden. Vor einigen Tagen flüsterte mir mein Mitbruder im Herrn zu, Sie hätten neu ein interessantes Buch über den Fussball in meinem Heimatland Argentinien geschrieben. Wiederum würden Sie sich mit Korruption beschäftigen. Was Sie nicht wissen können: Io sono tifoso, Fan des Clubs ‹San Lorenzo de Almagro›. Lorenzo Massa, ein Priester, hat ihn gegründet. Er versuchte mit Fussball Jugendliche von der Strasse zu holen. Vor nicht allzu langer Zeit, hat die Mannschaft San Lorenzo im argentinischen Derby die Boca Juniors, die Sie im Buch erwähnen, besiegt.»

Thomas überwand nun seine Schüchternheit und sagte: «Ihre Heiligkeit, die Boca Juniors kenne ich. Als mein Freund, der Schiedsrichter Giancarlo Graziani, dieses Spiel leiten sollte, versuchten Mächtige des Verbands ihn zu bestechen. Was ihnen aber nicht gelungen ist. Dafür aber wurde Giancarlo arg schikaniert. Er wurde aufgeboten, ein Spiel in abgelegener Gegend, 1700 Kilometer von Buenos Aires entfernt, zu leiten. Als er dort ankam, hiess es, das Spiel finde nicht statt, weil es bald regnen werde. Es blieb dann aber noch wochenlang trocken.»

«Ihr Buch», führte Papa Francesco weiter aus, «wird in Argentinien Furore machen. Aber passen Sie gut auf. Sie könnten einen Unfall erleiden wie einer Ihrer Schiedsrichter, den die Mächtigen beseitigen wollten. Möchten Sie ein Spiel mit dem Club San Lorenzo sehen, lassen Sie es mich wissen. Ich leihe Ihnen meine Tessera, meine Abo-Karte, mit der Nummer 88'235N. Aber, bitte, sagen Sie nicht mehr ‹Ihre Heiligkeit›. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch, halt einfach ausgewählt, eine Rolle zu spielen. Das ist eine schwere Last. Ihre Novelle, sagte mein Mitbruder, sei sehr spannend. Wenn eine kleine Kritik erlaubt sei, vermisse er nur ein wenig die Philosophie des Fussballs, aber das tut jetzt nichts zur Sache.»

Thomas seufzte hörbar und bekannte schliesslich, er sei nicht einmal Fan des FC Ägeri.
«Macht nichts», tröstete der Papst. «Ich danke Ihnen, Signore Brändle, dass ich mit Ihnen in einer so wichtigen Sache sprechen konnte. Bedenken Sie aber, ein Fan bleibt immer ein Fan, und wenn die Boca Juniors gegen San Lorenzo gewinnen, bin ich traurig. Daraus erkennen Sie, dass mir der Titel ‹Heiligkeit› nicht zusteht. Und noch mehr: Als hingegen der FC San Lorenzo die Boca Juniors vor einiger Zeit besiegt hat, jubelte ich. Hielt beide Arme in die Höhe, machte Freunden gegenüber mit der einen Hand die Faust und mit der anderen streckte ich drei Finger in die Höhe. Wir wollten den 3:0 Sieg auskosten. Nur eine lässliche Sünde, meinen Sie nicht auch?

Darf ich Ihnen zum Schluss noch einen Rat geben. Lassen Sie das Buch auf Spanisch übersetzen. Das wird den mächtigen argentinischen Verbandspräsidenten ärgern. Er ist ein Fossil bei der Fifa, und man weiss, dass er bestechlich ist. In Ihrem Buch haben Sie ihm den Namen Diavolino gegeben. Diavolino hat mit seinem Geld alles im Griff. Er ist gefährlich. Mein Rat: Wenn das Buch übersetzt wird, verwenden Sie ein Pseudonym, meinetwegen Tomaso Fuocolino, fuoco heisst Feuer. Wenn Sie an fuoco - lino anhängen, bedeutet es soviel wie Feuerchen oder Brändchen, also Brändle.
Sollten sie nach Rom kommen, schreiben Sie dem Schweizer Kardinal Koch eine Mail. Ich werde ihm den Auftrag geben, Sie zu einer Privataudienz einzuladen. Ihr Freund Giancarlo ist, wie Sie schreiben, auch schon bei einer Papstaudienz gewesen, nämlich bei meinem Vorvorgänger. Das schildern Sie ja sehr schön im neuen Buch. Nehmen Sie ihn mit. E adesso buona giornato!»

Der Hörer fiel in die Gabel. Thomas zitterte am ganzen Leib vor Freude. Das war wohl ein gutes Omen für das neue Werk des Ägeritaler Schriftstellers. Leider haben die Zeitungen noch nicht über das Telefonat des Papstes berichtet.

Ich wiederum entschuldige mich beim Autor, dass ich dieses Ereignis ausgeplaudert habe. Ich konnte nicht auf der Zunge hocken.

Wie mir Thomas persönlich versicherte, habe er lange über des Telefonat gebrütet. Er habe doch im Gespräch mit Professor Mark Pieth, das den Titel trägt: «Der Korruptionsjäger», ein ziemlich ausführliches Kapitel der Fifa gewidmet, und Fragen zur Korruption aufgeworfen. Der Professor beantworte im Buch noch viele andere Fragen, wie Geldwäscherei und Aktivitäten der Drogenmafia.
In der Tat, das Werk gibt Einblick in Dinge, die wir fast täglich in den Medien hören. Es ist ein sehr lesenswertes und verdienstvolles Werk.

Danke für die Aufmerksamkeit und nun Thomas Brändle.