Den Tod denken

In der Reihe: Sterben und Tod in der Kunst – zum 20-jährigen Bestehen des Vereins «Hospiz Zug»


Es war ein strahlend schöner Tag, als die Urne beigesetzt wurde, der feierlichste Tag und der traurigste zugleich. Das Glitzern des Neuschnees blendete Philip immer wieder. Einmal drückte er das linke, einmal das rechte Auge zu. Die Landschaft wirkte, als hätte sie sich herausgeputzt. Tränen liefen ihm über die Wangen. Die kalte Sonne stand über den Bergen, sodass der Schnee und die tiefe Bläue im Zusammenspiel recht herrisch wirkten. Hier die Erde, dort der Himmel mit dem unendlichen Blau.

Der Priester sprach tröstende Worte: Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr, wer an mich glaubt, wird ewig leben … Abwehrend vernahm Philip das Wort Leben, war doch seine Frau tot. Bald schon verloren sich seine Gedanken und er fragte sich, wo wohl die Seele seiner Frau jetzt sei. Im Irgendwo des unendlichen Blaus, geborgen im ewige Licht oder im allumfassenden Nichts des Todes?

Gott bleibt den Menschen treu, er ist die Liebe, der All-Erbarmer und Jesus Christus ist der Garant, dass es einen Vater im Himmel gibt. Glaubte der Priester an seine Worte?

Seine einst strahlende, noch junge Frau war jetzt nur noch ein Häufchen Asche. Die Urne wurde ins Erdloch versenkt und mit Weihwasser bespritzt. Später würde ein Stein an sie erinnern.

Nach der Beerdigung trafen sich Verwandte und Freunde an den Tischen im Restaurant, assen vom Braten, tranken Wein und wagten erst nach und nach zögernd tröstende Worte zu sagen: Ja, es ist sehr traurig, dass sie so früh sterben musste. Und fügten hinzu: Aber das Leben geht weiter.

Hier die Erde, dort der Himmel! Als er nach dem Trauermahl nochmals zum Grab ging, hörte er das leise Brummen eines Flugzeugs, das einen weissen Kondensstreifen im tiefen Blau zog. Welches war der letzte Flug, den er mit seiner Frau zusammen unternommen habe? Seine Gedanken wirbelten wirr durcheinander, bis er sagte: Ich muss mich an der irdischen Welt festhalten, an all den Wegen, die wir zusammen gegangen, gewandert, gefahren und spaziert sind; an den Brettern, auf denen wir getanzt haben. Ach, wie hat sie am Leben gehängt, ihr Puls schlug im Gleichklang mit der Natur. Wie ein Kristall ragte ihr Lieblingsberg in den Himmel, fiel Philip auf einmal am Grab auf. Ein Kristall war sie selber: Hell und klar, kantig und leuchtend.

Als es Nacht wurde, zog Philip die Vorhänge zu und löschte das Licht. Finstere Nacht sollte nun sein. Er hätte weder das Flackern einer Kerze noch das Gleissen eines Sterns ertragen. Auf der Todesanzeige hatte er geschrieben: Wer den Tod denkt, denkt das Leben. Welchen Text er für die Danksagungskarte wählen würde, liess er mal offen.

Die Tage vergingen. Womit würde er sich trösten können? Fände er am Ende Trost bei einem Philosophen? Es gab genug Werke zum Thema Tod. Eines stand bei ihm noch ungelesen im Bücherregal. Es war «Trost der Philosophie» des Gelehrten Boethius, der aus einer angesehenen römischen Familie stammte. In Ravenna hatte er unter dem Ostgotenkönig Theoderich hohe Ämter bekleidet. Wegen einer Intrige, der er verdächtigt wurde, fiel er beim König in Ungnade. Er wurde zum Tode verurteilt und verbrachte seine letzten Monate in einer Halbgefangenschaft. In dieser Zeit entstand sein Hauptwerk «Consolatio philosophiae», das fünf Bücher umfasst.

«Trost der Philosophie» beeinflusste nicht nur Philosophen und Theologen, sondern regte auch die Phantasie von Künstlern an. So malte Mattia Preti, der in Malta 1699 verstarb, den verurteilten Staatsmann auf seinem Lager. Er neigt gerade den Kopf zur Philosophie, die ihm in der Gestalt einer leicht gekleideten weissen Frau Trost zu spenden versucht. Demütig wartet er auf den Tag der Hinrichtung. Im Hintergrund des dunklen Raums lauert der Löwe, der wohl die Macht Theoderichs symbolisiert.

Philips Frau erlag dem Krebs. Langsam, unerbittlich schwächte er sie, zerstörte ihren Magen, griff die Lymphen an, zernagte die Knochen, zehrte den Leib aus, ohne aber den Lebenswillen brechen zu können. Bis zum letzten Atemzug focht sie mit dem Tod, aber der Körper versagte dem Geist, was er zum Überleben gebraucht hätte. Nur noch ihren allerengsten Kreis wünschte sie um sich zu haben, niemand sonst sollte sie in diesem schrecklichen Zustand sehen.

Philip wollte allen, die Anteil an seinem Verlust genommen hatten, eine Dankeskarte mit persönlichen Worten schicken. Würde er während seiner Lektüre bei Boethius eine passende Stelle finden? Feierlich rezitiert die Philosophie:
Was die Zierde einst war glückselig blühender Jugend,
Ist dem trauernden Greis Trost jetzt in schlimmen Geschick …


Die trostspendende Philosophie erinnert den Boethius an das gute Leben, das er geführt hat. Ihm sei doch viel Macht und Reichtum zugefallen. Selbst in der Gefangenschaft lebe er besser als die meisten anderen Verurteilten. Angesichts des Todes aber müsse er weise werden und erkennen, dass nur Begrenztes zu einander in Beziehung stehe, zwischen dem Endlichen und Unendlichen aber gebe es keine Verbindung. Die Zeit sei nun gekommen, um von den falschen Gütern Abschied zu nehmen. Philip las die Verse:
Ehe der Tag dann das Rosengespann führt,
Du von falschen Gütern geblendet,
Schüttle zuvor vom Nacken das Joch ab,
Dann erst erfüllt die Wahrheit den Geist dir


Wenn es also zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen keine Beziehung gibt, dann muss der Mensch sich an das Begrenzte halten. Das hatte Philip in der Beziehung zu seiner Frau getan, aber sie gab es nun nicht mehr. Er wollte deshalb möglichst bald Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit auffrischen.

War er mit ihr nicht oft am Lago di Como? Hatten sie sich nicht in Torno geliebt? Wie hatten sie unter der Pergola mit ihren wilden Reben das Leben genossen und unter den Zierkastanien einen vorzüglichen Amarone getrunken? Wie war ihnen Dionysos damals doch hold gewesen!

Seit ihrem Tod herrscht unendliche Entfernung, und Trost findet Philip nur im Gedanken daran, dass es gut war, sie geliebt, mit ihr das Leben erkundet und sich selbst im Du entdeckt zu haben.

Der Priester hatte am Grab vom Wiedersehen im Himmel gesprochen. Philip wollte es einfach nicht gelingen, an diese Verheissung zu glauben. Unter der Auferstehung des Fleisches am Jüngsten Tag konnte er sich schon als Knabe nichts vorstellen. Bevor an jenem herrlichen Wintertag die Urne versenkt wurde, lief ein ganz spezielles Ereignis wie ein Film ab. Als seine Frau nämlich fünfzig wurde, reisten sie nach Italien. In einem Restaurant in Arezzo kaufte Philip einem Blumenhändler einen Strauss Rosen ab. Laut rief er in den Saal, seine Frau sei vor fünfzig Jahren auf die Welt gekommen. Und Philip sah alles nochmals vor sich: Wie sie zu den Gästen an den Tischen geht, Rose um Rose aus dem Strauss zupft und anschliessend verteilt. Alle jubeln ihr zu und wünschen ihr gute Gesundheit und ein langes Leben.

Es kam ihm vor, als würde er diese und manch andere Erinnerung auf einer langen Linie wie farbige Punkte aufreihen. Am Ende ergab sich daraus ein festes, kunstvolles Band.

In Boethius Büchern fand Philip je länger je weniger Trost. Mit Hilfe von logischen Kniffen, schien ihm, versucht die Philosophie zu erklären, wie nichtig das Leben sei, der Himmel dagegen absolut gross und gut. Glückseligkeit erreiche der Mensch erst, wenn er den Leib abgestreift habe. So konstruiert sie – wie einst Platon – einen Riss, der durch den Menschen geht: Auf der Erde wandelt er im Schatten, im Himmel erst erkennt er, was er nach der Idee des Göttlichen im Grunde ist. Auch Philosophen und Theologen, die Platon und Boethius nachfolgten, haben das Leben zweigeteilt, das wahre Leben in den Himmel verlegt. Aber bestand nicht das wahre Leben auch in dem, was Philip mit seiner Frau erlebt hatte?

Er fand in der Tatsache, dass seine Frau tot war, keinen Sinn. War der Tod nicht einfach das nichtende Ende des Lebens, das kein weiteres Geheimnis enthielt? Gehörten Boethius’ Abhandlungen und die seiner Nachfolger nicht eher in den Bereich metaphysischer Spitzfindigkeiten und Spekulationen? Denn auch sie geben auf die zentralen Fragen wie Tod, Liebe, Zeit, Freiheit, Sinn des Lebens keine klare und endgültige Antwort. Sie bleiben dem menschlichen Verstand transzendent und halten ihn in jener Spannung, die er aushalten muss. Die Philosophen und Theologen schaffen Lehrgebäude, Dichter erfinden wiederum Fabeln, Märchen, Legenden, Erzählungen und Romane, die Komponisten Musikstücke, die das Herz berühren, aber dem Verstand oft nicht restlos zugänglich sind.

Philip hatte seine Frau bis zum Tod begleitet. Ihr Körper war am Ende nur noch ein Gerippe. Berühmte Maler liessen sich im Lauf der Jahrhunderte vom Totentanz inspirieren, Dichter von der Figur des Jedermann oder sie schrieben das «Einsiedler Welttheater». Im Barock schmückten die Maler den Himmel mit dem auferstandenen Christus, mit Maria, von einer Glorie umgeben, mit Aposteln, mit Päpsten und Kardinälen. Bei Darstellungen des Jüngsten Gerichts liessen sie die bösen Menschen in das ewige Feuer stürzen und die guten sich auf der Seite der Dreifaltigkeit und der Erzengel aufreihen. Der Himmel war den Menschen nur zugänglich, wenn sie ihn ähnlich wie das Leben dachten. Wer die Ewigkeit denkt, denkt das Leben, wandelte Philip seinen Leidspruch ab. Der barocke Himmel ist die Widerspiegelung des Lebens.

Der Tod seiner Frau liess Philip an den metaphysischen Spekulationen der Philosophen und Theologen zweifeln. Der Mensch kann niemals von einem archimedischen Punkt, also ausserhalb der Welt, objektiv beurteilen, was ist und was sein wird. Er bleibt der Gefangene seiner Fragen, zugleich aber kann er Beglückter von Dichtung, Musik und Kunst sein. Wie die wahren künstlerischen Werke auf die wesentlichen Fragen hin offen bleiben, so besitzt auch der einzelne Mensch keine gesicherten Antworten. Im Sichtbaren kann er das Unsichtbare nur erahnen.

Was sollte Philip also auf die Danksagungskarte schreiben? Er fand keine Worte der Hoffnung und keine für das glückliche Wiedersehen im ewigen Äon. Er versuchte Sätze wie: Sie hatte ein grosses Herz, und ich bin dankbar für die Zeit, die mir mit ihr geschenkt worden ist. Oder sollte er ihre Charakterstärken erwähnen? Du warst eine aussergewöhnlich starke Frau … Er spürte, dass er ständig weitere besondere Eigenschaften finden würde, die zu ihrem Wesen gehört hatten. Schliesslich kam er zum Schluss, dass die Wendung «Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit dir hatte…» eigentlich alles sagt, was es zu sagen gibt.