Eine anonyme Karte

In meinem Briefkasten lag eine Karte. Ich freute mich, endlich wieder einen kurzen Gruss lesen zu dürfen. Ich trug die Karte mit den Zeitungen und einigen Bettelbriefen in die Wohnung. Genüsslich blickte ich auf das Kartenbild. Wer hatte mir wohl geschrieben? Ich drehte die Karte um und sah, dass sie nicht unterschrieben war. «Es ist extrem penetrant und unverständlich, wie Sie als alter, vermutlich vergrämter Politiker kuriose Briefe schreiben», las ich da. Aha, so ist das! Da möchte mir jemand das Schreiben verbieten. Ich lachte ein wenig. Ich bin weder vergrämt, noch kurios. Ja ich hatte mir erlaubt, einen Leserbrief zur Aussage einer Nationalrätin zu schreiben. Sie bot an, als Bundesrätin zu kandidieren, wenn ein «Notfall» eintrete. Was konnte so ein Notfall sein?, überlegte ich mir. Ich fand schliesslich vier mögliche Gründe. Ein Notfall wäre, wenn die Partei keinen geeigneten Kandidaten finden oder das Land an die EU verschachert würde. Ich will sie nicht alle aufzählen. Vielmehr befiel mich plötzlich der kriminalistische Spürsinn. Die Schrift schien mir bekannt. Den anonymen Schreiber oder die Schreiberin ausfindig zu machen, ist freilich, wie die berühmte Nadel im Heuhaufen zu suchen. Die Schrift war fein und klein. So tippte ich auf eine Frau. Dann las ich weiter. «Als 81 jähriger seit zehn Jahren amtsloser Pseudo-FDP-Politiker sollten Sie (immerhin in Höflichkeitsform) langsam aber sicher die Meinungsbildung uns Jungen überlassen.» Oh, ich darf keine eigene Meinung äussern! Wir Alten sind passé! Aussondern soll man sie! Dann folgte der wunderbare Schlusssatz: «Irgendwie hat man den Eindruck, es schwinge Neid und Missgunst gegen andere Partei-Personen mit.» Immerhin ein schöner Konjunktiv. Also dumm konnte der Schreiber nicht sein.
Na so was!, sagte ich mir. Neid! Wie das? Habe ich nicht ein erfülltes Leben? Mir ist doch Vieles geschenkt worden. Karriere habe ich auch gemacht. Bin sehr froh, dass ich unter den heutigen Umständen «amtlos» bin. Es gibt andere, die sind mit bald achtzig noch immer die Altmeister im politischen Taktschwingen. Ich bin ja bloss eine Leserbriefschreiber, den gelegentlich die Lust ankommt, sich ein wenig einzumischen. Wenn sich darüber jemand aufregt, habe ich mein Ziel erreicht. Dann weiss ich, dass ich ins Schwarze getroffen habe. Immer wieder sprechen mich Leute an und fragen, wann ich wieder für die schreiben würde?
Dass es in der Parteienwelt ein Auf und Ab gibt, sieht ja jeder. Geld zu scheffeln liegt mir nicht. Dafür habe ich keine Zeit. Ich beschäftige mich mit Lesen und dummerweise für den anonymen Kritiker fällt mir das Schreiben nicht schwer. Es macht mir Spass. Es gehört zu mir, wie das Mausen zur Katze. Und wenn jemand sich im Notfall als unverzichtbar sieht, dann reizt es mich, eine Glosse zu schreiben.
Soweit so gut, aber wer konnte mir geschrieben haben. Kenne ich die Schrift? Ähnliche Schriftzüge haben auch andere, die mir Briefe geschrieben haben, nicht anonym versteht sich, sonst hätte sie der Papierkorb verschluckt. So sicher in der Kommasetzung war der Brief nicht abgefasst. Eigentlich, dachte ich, es sei der Mühe nicht wert, sich darüber Gedanken zu machen.
Da fiel mein Blick auf die Briefmarke mit dem Schneemann. Sie war nicht abgestempelt. Also folgerte ich messerscharf, die Person musste die Karte eigenhändig in meinen Briefkasten geworfen haben. Dass sie trotzdem mit einer Marke versehen war, betrachtete ich als Versteckspiel des Täters oder der Täterin. Das sind die kleinen Fehler, mit denen sich Kriminelle oder auch simple Täter erwischt lassen.
Zur Samichlauszeit sind die Nächte lang. Es lag kein Schnee auf dem Vorplatz, der der Spurensicherung gedient hätte. Dennoch, es musste sich um ein Person aus dem Dorf handeln. Dies herauszufinden war sehr schwierig. Immerhin gibt es Leute im Dorf, die ich für eine solche Tat verdächtigen durfte, ohne ihnen weh zu tun. Sie konnten nur unter denen gesucht werden, die auch Leserbriefe schreiben oder geschriebenen einfach ihren Namen liehen. Bei solchen Voraussetzungen engte sich der Kreis der Tatverdächtigen ein. Es musste sich also um eine Person handeln, die die Nationalrätin verehrte, weil sie der gleichen Partei angehört. Meine Vermutung nährte sich mit Wissen. Aber Gewissheit hatte ich dennoch nicht. Ich weiss nur, dass die Post die Briefmarken abstempelt. Das war ein Indiz. Wie konnte ich also den Fall lösen? Das würde dauern und nur der Zufall könnte den Fall lösen.
Wie oft wurden Täter erst nach Jahren ertappt. So besann ich mich auf eine Strategie: Falls ich einer Person aus dem engen Kreis der möglichen Täter begegnen würde, würde ich äusserst höflich fragen, ob sie mir anonym eine Karte geschickt habe. Ich bin Psychologe und erst noch der Sohn eines Viehhändlers. Ihre Reaktion würde mir verraten, ob sie der Täter oder die Täterin sei oder zumindest die Hand im Spiel gehabt habe. Gesichter, die sich bei einer delikaten Frage verändern, lassen sich lesen und Ausreden kann jeder ehemalige Politiker analysieren.