Elisabeth Blunschy-Steiner - erste Nationalratspräsidentin

Wir feiern heute das Erscheinen eines kleinen Werkes von und über Elisabeth Blunschy-Steiner, verfasst von ihr selber und von Heidy Gasser. Es ist aber ebenso ein Werk über das Funktionieren der staatlichen Institutionen, der Schweizerischen Demokratie und ihrer Zivilgesellschaft. Besonders beeindruckend ist, wie das Volk innerhalb von zwölf Jahren seine Meinung geändert hat. 1959 wurde das Frauenstimmrecht abgelehnt, 1971 wurde es überzeugend angenommen. Was war in den zwölf Jahren geschehen?

Das Werk fasziniert, weil das Leben und Wirken einer bedeutende Persönlichkeit lebendig wird und damit eine wichtige Phase der schweizerischen Politik. Elisabeth Blunschy war darauf bedacht, einiges im Land zu verändern und sich für mehr soziale Gerechtigkeit einzusetzen.

Dank der AKS wurden diese Buchreihe und das neuste Werk überhaupt erst möglich.
Der Dank geht an den Präsidenten der Stiftung, Urs Korner und die Mitglieder des Stiftungsrats, auch den Direktor Franz Peter, der den Vorsitz im Herausgeberteam führt.
Dann geht der Dank an Urspeter Schelbert, der das Lektorat besorgte und die Herstellung überwachte.

Das Konzept dieser Reihe, stellt eine Persönlichkeit in den Mittelpunkt, - im Falle der Victorinox war es ein Familienunternehmen - , eine Persönlichkeit, die schildert, wie sich die Innerschweiz in den letzten vierzig Jahren nationale Geltung verschaffen konnte, und zwar sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Früher hiess es etwa in protestantischen Kantonen: Was aus der Innerschweiz kommt, liest man nicht. (Catholica non leguntur) Die Innerschweiz wurde übersehen. Das ist endgültig vorbei.

In der Werkreihe geht es nicht nur um die äusseren, sichtbaren Veränderungen. Die Buchreihe versucht die innere Strömung, die unsere Gegend durchzieht, zu erfassen. Sie will dem Tiefenfluss auf den Grund kommen. Es ist, um mit einem Bild zu sprechen, wie beim Vierwaldstättersee. Das Wasser der Reuss durchfliesst ihn bis nach Luzern, ohne dass der Ausflügler auf dem Dampfer dies wahrnimmt. Ähnlich durchfliessen geistige Tiefenströmungen die Innerschweiz und verändern sie. Davon legt unsere Reihe lebendiges Zeugnis ab.

Es ist sehr aufregend zu beobachten, wie sich die Ausführungen von Anton Rotzetter, des früheren Guardians des Kapuzinerklosters von Altdorf und des Schriftstellers Martin Stadler mit der vorliegenden Schrift der Politikerin berühren. Auch Elisabeth Blunschy schildert im Kapitel «Politische Erfahrungen auf dem Weg zum Frauenstimmrecht» die geistigen Umwälzungen, die sich seit den 60er Jahren ereignet haben.
Eine schöne Anekdote schildert, wie damals unterschiedliche Meinungen aufeinander prallten. Der Vereinsvorstand des Schweizerischen Frauenbundes, unter dem Präsidium von Elisabeth Blunschy sollte eine Vernehmlassung zum Frauenstimmrecht verfassen. Bischof Franziskus von Streng, der jeweils bei den Sitzungen als Ratgeber anwesend war, lehnte die Einführung des Frauenstimmrechts ab. Der Vorstand befürwortete sie. «Dank gütiger Vorsehung konnte Bischof von Streng wegen einer Terminkollision nicht kommen», schreibt Elisabeth Blunschy. Und als sie darüber berichtet hat, nehme ich an, wird sie geschmunzelt haben. In solchen kleinen Episoden klingt der feine Humor an, der in dem Buch da und dort aufblitzt und die Lektüre sehr vergnüglich und lustvoll macht.
(In ihrem Dankeswort kam sie auch ihren Mann zu sprechen. Beide studierten in Fribourg die Rechtswissenschaft. Ihr Mann habe jeweils gesagt: «In Freiburg habe ich die Recht studiert und dann heiratete ich die Rechte»).
In dem Werk erleben wir ein Stück schweizerische Politik- und Ideengeschichte, sehr subtil und unaufgeregt geschildert. Elisabeth Blunschy beteiligte sich engagiert bei der Überarbeitung des Zivilgesetzbuches. Es ging um das Adoptions-, das Kindes- und das Familienrecht. Ihre eigene Familiengeschichte beeinflusste das Denken der Juristin und Nationalrätin. Was in den neu zu gestaltenden Rechtsgebieten verändert werden sollte, war für Elisabeth selbstverständlich, denn die Eltern lebten die Gleichberechtigung von Mann und Frau vor. Mutter und Vater sprachen sich bei Familienfragen ab. Wobei die Mutter im Haus das Szepter führte.
Erfahrungen, die man im Elternhaus aufnimmt, beeinflussen das Leben. Auch sie werden zu einem Grundstrom, der das Denken und Handeln trägt. Goethe meinte einmal: «Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.» Und Elisabeth würde Goethe freilich sofort korrigiert und gesagt haben: «Was du ererbt von deinen Eltern hast …» Das Werk bescheinigt es. Die Eltern legten das Fundament ihres Denkens und Handels, und die Politikerin sowohl wie die Gattin und Mutter zehrten ein Leben lang davon. Ihrer Herkunft und später der Partnerschaft ihres Mannes hat sie viel zu verdanken. Das schildert sie im vorliegenden Werk schnörkellos und sachbezogen. Und gerade auch dies macht das Buch besonders sympathisch.

Heidy Gasser hat Ihnen aus dem Kapitel die «Nationalratspräsidentin» vorgelesen. Sie konnten daraus entnehmen, wie nüchtern, ehrlich und keineswegs ich-bezogen Elisabeth Blunschy diese wichtige Zeit ihres Lebens vergegenwärtigt. Der vorgelesene Text steht stellvertretend für Stil und Inhalt dieses Werkes, das stilistisch, trotz der eher unpoetischen Materie, meisterhaft geschrieben ist. Interessierten Lesern wird es viele Einsichten geben, und erst noch Lesevergnügen verschaffen.

Ich erlaube mir eine kurze Passage aus meinem Roman «Gegengelesen. Ein politischer Bericht» vorzulesen. Es ist ein Roman, indem der Bundeshausredaktor Paul Jäger u. a. über die Geschehnisse im Bundeshaus berichtet. Jäger beschreibt, wie Elisbeth Blunschy den Nationalrat präsidierte. Sie werden den Unterschied zwischen einem Tatsachenbericht und der fiktiven Schilderung in einem Roman, der sich mehr Freiheit erlauben darf, heraus hören.

Abschliessen möchte ich meine Würdigung mit einem Zitat. Ganz am Schluss im Kapitel «Ruhestand» schildert Elisabeth Blunschy, wie sie die Bundesakten in einem Zimmer neben dem grossen Saal untergebracht hat. Auch im Zimmer gibt es wie im Saal Malereien an der Wand. (Zitat): «Nüchterne Gesetzestexte erfreuen sich jetzt an der Gesellschaft von Schmetterlingen, Blumengirlanden und Engeln, welche seit Jahrhunderten die Wände bevölkern. Einerseits liebe ich klar formulierte Gesetze, welche unserem Leben Ordnung und Struktur verleihen. Andererseits brauche ich auch das Verspielte und Schöne, wie es in einem Blumengarten zum Ausdruck kommt.»

Sie sehen, ein engagierter, schöpferischer Mensch lebt vom Wechselspiel der Eindrücke, und auch von der Ambivalenz der eigenen Natur. Mit Bildern und Porträts in den Räumen des Hauses eins am Rathausplatz wird noch einmal die Familiengeschichte, die Elisabeth Blunschy-Steiner geprägt hat, lebendig. Der Mensch ist in Geschichten verstrickt, und ohne Geschichten, kann man ihn nicht kennen. Durch die Lektüre werden Sie also eine bedeutende Persönlichkeit besser kennen lernen. In das Werk fein eingesponnen finden Sie den Humor einer engagierten Frau. Sie schauen lustvoll ihrem politischen Tun zu, und werfen einen Blick hinter die Kulissen der politischen Macht.

Laudatio anlässlich der Buchvernissage am 7. Juli im Schwyzer Rathaus
Es handelte sich um das 5. Buch in der Reihe «Innerschweiz auf dem Weg ins Heute. Ein Leben für mehr soziale Gerechtigkeit» Buchreihe der Albert Koechlin Stiftung.