Braucht die Rigi neue Attraktionen?

Unsere Wahrnehmung scheint sich verändert zu haben. Die Mobilität, die Schnelligkeit, die rasenden Bilder verfälschen die Anschauungskraft. Durch die tägliche Bilderflut sind wir gewohnt, schnelle Schnitte zu machen wie bei Fernsehnachrichten. Das Auge ruht nicht auf dem Bild. Es wird zum raschen Wechsel, zum Hüpfen, nicht zum Spazieren gezwungen. Der Tourist schiesst Fotos um Fotos. Die besuchte Landschaft wird unscharf. Sie wird gar nicht erfahren, nicht echt wahrgenommen.

Eine Gegend als Landschaft zu sehen, will erlernt sein. Vorerst zieht die Rigi Menschen an, weil von ihr wunderbare Bilder in den Medien zirkulieren. Die Werbung bereitet sie auf und nimmt meist Bezug zu Elementen, die ihr zugeschrieben werden. So ist sie zum Beispiel die «Königin der Berge». Nicht das Matterhorn oder die Jungfrau gelten als König oder Königin, sondern eben die Rigi. Warum darf sie nicht mit dem verlockenden Wort «Königin» werben?

Nun fährt der moderne Reisende auf diesen königlichen Berg. Schon bald spürt er, dass seine Geduld auf die Probe gestellt wird. Die Bahn kriecht langsam höher. Wer aber nicht unter einem Temposyndrom leidet, gibt sich gelassen der Fahrt von Vitznau oder von Goldau hin. Es dauert. Aber während der Dauer kann er wahrnehmen, wie sich die Gegend vor seinen Augen entfaltet. Je höher die Bahn klimmt, desto herrlicher breitet sich der Alpenkranz aus. Auf dem Gipfel ist die Aussicht phänomenal. In alle vier Himmelsrichtungen schweift der Blick.

Es besteht die Chance, eine Landschaft neu zu entdecken. Landschaft ist erst, wenn wir sie in freiem Geist ästhetisch wahrnehmen, wenn unser Blick keinen anderen Zweck verfolgt, als die Schönheit zu geniessen und die wechselnde Stimmung auf sich wirken zu lassen. Der Mensch muss frei sein von Zwängen. Gelingt ihm dies, dann erlebt er die Landschaft in ihrer Einmaligkeit. Der Mensch sieht nur, was er sehen gelernt hat. Vielleicht sagt ihm die Aussicht nicht viel. Er beobachtet vielmehr die weidenden Kühe und Rinder oder wartet auf ein gutes Essen. Oft sind es Bilder von Künstlern, die den Sinn für die Schönheit einer Landschaft geformt haben. Auch Schilderungen von Dichtern und Schriftstellern lehren, was als schön empfunden werden kann.

Nun kündigt der Direktor der Rigi-Bahnen mit einem Masterplan an, viele Millionen investieren zu wollen, um auf der Rigi verschiedene Attraktionen zu schaffen: eine Eventalp, ein Schwizer Bergdörfli, ein Spielplatz mit Streichelzoo usw. Dagegen ist eine Petition eingereicht worden. Wer den Touristen die Chance nicht nehmen will, dass sie staunen und zufrieden nach Hause fahren, darf auf diesem Berg nicht allzu viele Schauplätze anbieten, die zu Ähnlichem führen, was es schon überall gibt. Es ist nicht so, dass man den Kindern etwas gibt, wenn man ein Spieldörfchen schafft. Man nimmt ihnen vielmehr, was sie lernen sollten: Schauen, Staunen, Betrachten. Damit kann die Anschauungskraft wachsen und der ästhetische Sinn für die überraschende Landschaft wach werden. Was für die Kinder gilt, sollte den Erwachsenen heilig sein. Der Berg inszeniert sich selbst, er ist die Sensation, Sensationen, die ihnen Unternehmer aufdrängen wollen, lenken davon ab.

(Andreas Iten zählt zu den Erstunterzeichnern der Petition.)